Barfußlaufen als "Sensic Walking"
(Forumbeiträge im Herbst 2003)

Mit dem Fahrrad (und beschuht) sind wir gestern, an einem sonnigen Herbstsonntag, durch ein beliebtes Naherholungsgebiet gefahren. Abgesehen davon, dass man seine Uhr danach stellen kann, dass Punkt 10 Uhr der Rest der Welt auch dort eintrifft, fiel uns auch die neuerdings enorm große Schar von Stockgehern auf. Meine Frau klärte mich darüber auf, dass es sich dabei um "Nordic Walking" handele. Da offenbar wirklich viele diese Intersport-Krücken gebrauchen, muss es sich dabei gerade um die ganz aktuelle Trendsportart handeln. (Mich wundert das, ich hätte eigentlich vermutet, dass Rope-Jumping oder Tree-Climbing im kommen seien ...).
In den Bergen (bis jetzt auch immer nur beschuht) gebrauchen ja auch wir gelegentlich diese Stöcke (sagt man da jetzt evtl. "Sticks" zu?) zum Abstieg oder im Schnee, doch dass junge gesunde Leute auf ebener Erde zu diesem Hilfsmittel greifen, hielt ich für komplett bescheuert. Meine vernünftigere Hälfte beteuerte, dass die Stöcke beim Nordic Walking die Aufgabe hätten, den Läufer zum Bewegen seiner Arme zu zwingen. Immer noch bescheuert; warum laufen die nicht barfuß?

Kleiner Einschub - etwas "Barfußbiographie". In der Wohnung gehe ich seit Jahren meistens barfuß.
Im August besuchten wir den Barfußpark in Dornstetten. Zwar laufen dort viele Barfüße, die es (würg!) besser nicht täten oder schon viel früher hätten tun sollen, aber als Einstiegsdroge ist diese Anlage wirklich gut geeignet. Aber eigentlich ist es unsinnig, 150 km zum Barfußlaufen zu fahren, wenn man ausgedehnte Waldflächen direkt vor der Haustüre hat. Und seitdem laufe ich mehrmals wöchentlich durch den heimischen Wald - barfuß! Die Leute gucken zwar, trauen sich aber nichts zu sagen. Jeder braucht seine Macke. Die einen machen Yoga, andere springen an Gummibändern von Brücken, wieder andere finden die Erfüllung, indem sie sich Eisenteile durch die Haut bohren. Und ich hüpfe halt mit nackten Füßen bei Regen durch den Matsch. Jetzt im Herbst ist der Waldboden besonders angenehm, besonders abseits der Wege.
In die Stadt würde ich mich so nicht trauen. Ich müsste lügen, wenn's nicht auch wegen der Leute wär, aber vor allem wegen den Glasscherben, Kronkorken, Blechdosen und Biomassen aller Art. Schon allein den Besuch einer öffentlichen Toilette könnte ich mir barfuß nicht vorstellen. Sehr gerne würde ich dagegen mal auf diese Weise in den Bergen wandern.

Jedenfalls macht es tierisch Spaß und - was für mich das tollste ist - es kuriert mein Bandscheibenleiden, das ich seit 1996 mit mir rumschleppe. Es wird den Leser an dieser Stelle vielleicht interessieren, dass ich 30 Jahre alt bin. Früher wachte ich morgens fast immer mit Rückenschmerzen auf, trotz neuer Matratze. Seit ich barfuß durch den Wald laufe, habe ich schlagartig keine Schmerzen mehr! Meine Beschwerden im Knie sind ebenfalls deutlich besser. (Vielleicht hilft's ja auch gegen Zahnhalskaries, aber das habe ich noch nicht ausprobiert ...)
Beim Barfußlaufen federe ich besser ab und wenn der Boden zu hart wird, verlagere ich ganz automatisch mein Gewicht von der Ferse auf den Ballen. Ich benutze hier den ganzen Körper zum laufen. Die Arme brauche ich oft zwangsläufig zum Halten des Gleichgewichts. Jedenfalls habe ich da nie die Hände in der Jackentasche. Anders mit Schuhen, da latsche ich schon auch mal ohne die Arme zu gebrauchen.
Gesünder als barfuß kann man nicht laufen. Und das Risiko ist geringer als ich zunächst dachte. Schnittverletzungen hatte ich bis jetzt keine. Auch die Kälte kann einem kaum was anhaben. Wenn der Boden gefroren ist, hört für mich der Spaß zwar auf, aber in allen anderen Fällen reicht es, sich warm anzuziehen. Dass heute früh der Boden nur 3° kalt war, habe ich schon nach wenigen Minuten nicht mehr gemerkt.
Das alles kann mir "Nordic Walking" nicht bieten. Eigentlich ist doch Barfußlaufen die ideale Trendsportart - die Krankenkasse zahlt sogar die Grundausrüstung. Das einzige, was wir noch brauchen, ist ein gescheiter Name. Wie wär's mit "Historic Walking"? Da könnten die Sportartikelhersteller mal ihre Kreativität spielen lassen und schnell die passende Zusatzausrüstung - pardon "das Equipment" - anbieten.
Wie wär's mit aufklebbaren Historic-Walking-Stollen oder Fußnagelkrallen (in 3 verschiedenen Härtegraden von Anfänger bis Profi) für rutschigen Untergrund? Oder HW-Spezialfußcreme mit Antirissfaktor 100? Oder HW-Spezialseife für danach? HW-Spezialhandtücher mit Reflexzonennoppen? Extra weit umschlagbare HW-Spezialhosen dürfen auch nicht fehlen! Und irgendwann gibt es dann auch noch HW-Areas für drinnen und draußen mit original authentischem Nature-Feeling. Die Pallette wäre endlos fortzuführen ...
Ich jedenfalls finde "Historic-Walking" klasse!
Klaus

Super-Idee! Toller Text! Nur am Begriff "Historic Walking" könnte man bemerken, dass der so veraltet, eben historisch klingt. Mein Vorschlag lautet deshalb "Sensic Walking", das sensitiv gesteigerte Wellness-Sporterlebnis.
Und um einen Trend draus zu machen, muss als erstes das Umsonste an der Sache abgeschafft werden. Deshalb lassen wir uns das patentieren, und jede/r der fürderhin barfuß läuft, muss eine Kilometerpauschale entrichten (Toll collect kann uns da ja mal Vorschläge unterbreiten). Unlizenziertes Barfußlaufen wäre demnach geistiger Diebstahl, wie Raubkopieren.
Analog zum Reiki werden verschiedene Grade eingeführt. Ab dem 3. Grad ist man lehrberechtigt und kann die Lizenzgebühren von der Steuer absetzen.
Sämtliche Barfußpfade müssen nach dem Lorenz'schen Qualitätsmanagement-System zertifiziert werden, und allein der Antrag (!) dafür sollte für nicht unter 600,00 Öros Bearbeitungsgebühr zu stellen sein. Was dann die Zertifizierung letztendlich kostet mag ich mir gar nicht vorstellen. Nach oben hin sind wir da völlig offen: The sky is the limit!
O Gott, ich glaube, unsere Gesellschaft ist so krank, dass so was wirklich funktionieren würde...
Mercator

[um Trend draus zu machen, muss das Umsonste an der Sache abgeschafft werden. Deshalb lassen wir patentieren, und jede/r ... muss Kilometerpauschale entrichten. Unlizenziertes Barfußlaufen wäre geistiger Diebstahl]
... und Finanzminister Eichel führt eine "Schuh- und Sportmittelhersteller Ausfallentschädigungspauschale" ein. Finanziell gesehen eine echte Alternative zum Rauchen!
[unsere Gesellschaft ist so krank, dass so was wirklich funktionieren würde]
... sie würden alle mitmachen, echte MitLÄUFER halt ... :-))
Klaus

Merchandising nicht vergessen!
- neckische Füßchen auf T-Shirts, zum Umhängen
- zerlatschte Schuhe mit der Aufschrift "Nie wieder!"
- Aufkleber
- Kämme in Fußform
- Spezial-Hochdruckreiniger, bevor man die gute Stube (sprich s-t-ube) betritt
- allerlei Chemikalien zum Duften und Färben der Füße
Da fällt uns bestimmt noch mehr ein, vor allem muss man das alles in irgendeiner Schwachsinnsshow in der Glotze präsentieren mit der Einleitung "hach, seid Ihr ein tolles Publikum und so weiter"
Lasst die Phantasie weiterspielen, ist lustig!
Gruß, hans

Mercators Vorschlag die ganze Sache "Sensic Walking" zu taufen, halte ich für sehr gut. Ansonsten wäre auch "Nubic Walking" denkbar, im Gegensatz zum "Nordic Walking". Man denke an die Bilder von nubischen Frauen, die - natürlich barfuß (auch ein möglicher Slogan?) - mit aufrechtem Gang eine Amphore Wasser auf dem Kopf balancieren.
Oder der Begriff "Nadathon" (Nada heißt im russischen "nichts" oder "bar", glaube ich jedenfalls) würde einen sportlichen Anspruch verheißen. Aber "Sensic Walking" ist universell. Er bringt in zwei Worten auf den Punkt, worauf es ankommt!
Jedenfalls müsste es dann Mega-Events geben, für die man sich qualifizieren muss und die auf diesen zertifizierten Parcours stattfinden.
Natürlich laufen Männer und Frauen getrennt. Der Frauenparcours muss natürlich um ein Drittel kürzer sein. Das ist zwar völliger Blödsinn, wirkt aber professionell! Außerdem gibt es unterschiedliche Leistungsklassen, abhängig von der Fußgröße. Außerdem wird in Mannschaften gelaufen; der Favorit braucht doch Wasser- äh Pflasterträger!?
UND DAS WICHTIGSTE - ich hätte es fast vergessen - wir brauchen einen Hauptsponsor! Adidas, Puma und so, fallen weg, die werden das "Event" solange boykottieren, bis die Barfüßler ihre Schuhe anziehen. Red Bull taugt auch nicht; Flügel kann ich zum barfuß laufen nicht brauchen.
Wie wär's stattdessen mit solchen Fußpilzmittelchen? Das Team "Gilt" und das Team "Mycofug" machen sich traditionell die stärkste Konkurrenz, zumal der Neueinsteiger "Gilt" dieses Jahr erstmals von der Pole-Position startet! Ganz weit abgeschlagen dagegen das Team "Nivea". Der Überraschungszweite vom Vorjahr, das ausschließlich aus Amateuren bestehende Team "Melkfett", schielt auch dieses Jahr wieder aufs Treppchen.
Ein Team hat natürlich einen Haupt- und zwei Co- Trainer, einen Reflexzonenmasseur und ernährt sich für die Dauer des Wettkampfs ausschließlich von Spaghetti. An der Möglichkeit des Dopings arbeite ich noch, das brauchen wir dringend, sonst nimmt uns keiner den kommerziellen Anspruch ab. Wie wär's mit Mittelchen, die das Hornhautwachstum steigern? Natürlich brauchen die auch Nebenwirkungen, aber daran arbeite ich noch ...
Klaus

Ideen, die zu technischen Lösungen führen, welche wirtschaftlich vermarktbar sind, lassen sich patentieren ....
Aber es stimmt: in punkto Vermarktung ließe sich noch einiges machen. Barfußlaufen hat so ein spartanisch-asketisches, verschrobenes Image. Artikel/Sendungen in "Trendmedien" könnten dazu beitragen, dass ein lockeres, fröhliches image verbreitet wird (das ganze sollte natürlich gut "getimet" sein und im April kommen ....)
Wenn es sein muss, können entsprechende Hersteller "Ausrüstungslinien" kreieren und verkaufen - nur sollte das nicht dazu führen, dass die Leute glauben, sie müssten erst mal für 100 Euro einkaufen, bevor sie barfuß losgehen ..... Wichtiger ist wohl anderes: die Einrichtung und Ausschilderung von barfußtauglichen Wegen. Erste Anfänge dazu gibt es ja schon.
unci

[Barfußpfade nach dem Lorenz'schen Qualitätsmanagement-System zertifiziert, Antrag für nicht unter 600,00 Öros Bearbeitungsgebühr. Was Zertifizierung letztendlich kostet, mag ich mir gar nicht vorstellen ... The sky is the limit!]
Wesentlich ist, dass das Barfußzertifikat nur durch regelmäßige Schulung aufrechterhalten werden kann! Das müssen dann teure Seminare mit Barfuß-Canyoning und Nackt-Drachenfliegen sein und viele andere Trendsportarten kommen auch noch dran. Wäre doch gelacht, wenn wir den Leuten nicht das Zehnfache an Geld aus der Tasche ziehen, was sie an Schuhen, Stöcken und Klamotten sparen!!
Blöd ist nur, dass meine Frau so altmodisch denkt und meint, dass ich das Geld auf anständige Weise verdienen soll .....
Schöne Füße, Lorenz

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