[Jimmy Carter's Barfuß - Erinnerungen] [Aus J. M. Coetzee: Boyhood]

Jimmy Carter's Barfuß - Erinnerungen
(Forumbeiträge im Winter 2000 / 2001)

In seinem neuen, sehr lesenswertem Buch "An Hour Before Daylight, Memories of a Rural Boyhood" erzählt Mr. Carter, wie er von März bis Oktober ausschließlich barfuß ging, wie er das Gefühl der Freiheit und der Verbundenheit mit der Erde genoss, und auch wie er mit den kleinen Problemen, die das Barfußlaufen auf dem Bauernhof, im Feld, im Wald und in der Schule mit sich brachte, zurecht kam.
Vielleicht sollte Lorenz ihn zu einem Besuch auf einem Barfuß - Pfad einladen. Ich könnte mir vorstellen, dass Mr. Carter sich dafür interessiert. Und auch sein Verleger, der da eine photo opportunity sehen könnte.
Hier ist ein Zitat. Falls jemand nicht genug Englisch versteht und das gerne lesen möchte, könnte ich es auch übersetzt posten.

From as early in May until as late in October as weather and my parents permitted, I never wore shoes. The first warm days brought not only a season of freshness and rebirth, but also a time of renewed freedom for me, when running, sliding, walking through puddles, and sinking up to my ankles in the ploughed fields gave life a new dimension. I enjoyed this sense of liberation until we boys began wearing shoes to church and school when we were thirteen years old and entered the seventh grade. Many of the men who lived on the farms went barefoot all their lives, except on cold winter days. There is no doubt that this habit alone helped to create a sense of intimacy with the earth. Although briars were a problem- particularly in early spring when our feet were tender-what I remember most unpleasantly was the hot top soil. It was enjoyable to walk behind a plow in a cool, newly opened furrow, but when we were pruning watermelons, fertilizing growing crops, or poisening boll weevils, our feet were in direct contact with the earth's sun-baked surface. The balls of our feet were thick and though, but it was painful when hot sand and friable earth would spill over onto the more tender top of our bare feet. On the hottest days, from noon to midafternoon, we had to resort to a kind of shuffling dance, with brief pauses under watermelon leaves or in other small shaded areas. In the barn lots and animal stalls, there was no way we could avoid walking in the accumulated manure, and, in fact, we never tried to do so. I had to help catch and harness the mules and horses, feed the chickens and hogs and help milk the cows each day; through it all, going barefoot was still preferable to wearing shoes. There were some disadvantages to bare feet. There was always the possibility of stepping on old barbed wire or a rusty nail, with the danger of tetanus. Another problem was at school. The pine floors were not sanded and polished but rough, the dust kept down by regular applications of old motor oil. We soon learned to pick up our feet with each step, because splinters were prevalent and a threat to bare feet that slid for even an inch across the surface. Our most common ailments were the endemic ground itch, ringworm, and the self inflicted splinters, cuts, abrasions, bruises, wasp or bee stings and what we called stumped toes.

Hier ist eine Übersetzung, nicht immer wortgetreu und ein bisschen holprig:

Von Anfang März bis Ende Oktober, solange das Wetter und meine Eltern es zuließen, ging ich immer ohne Schuhe. Die ersten warmen Tage des Jahres brachten nicht nur die Saison der Erneuerung und der Wiedergeburt, sondern auch ein erneuertes Freiheitsgefühl für mich, wenn das barfüßige Herumrennen, Schlittern, Patschen durch lehmige Pfützen und das Einsinken bis zu den Knöcheln im frisch gepflügten Acker meinem Leben eine neue Dimension zufügten.
Ich genoss dieses Gefühl der Ungezwungenheit auf dem Bauernhof bis zu meinem 13.Lebensjahr in der siebten Klasse. Danach fingen wir an in der Kirche und der Schule Schuhe zu tragen.
Viele der Männer, die auf der Farm lebten und arbeiteten, gingen ihr ganzes Leben lang barfuß, ausgenommen an wirklich kalten Wintertagen.
Es gibt keinen Zweifel, dass diese Gewohnheit zu einem Gefühl der Verbundenheit mit der Erde führte. Obwohl Dornen ein Problem waren, besonders im Frühling, wenn unsere Füße noch nicht abgehärtet waren, die größte Unannehmlichkeit in meiner Erinnerung war die heiße Erde. Es war angenehm hinter dem Pflug in der Kühle der neu gepflügten Furche zu gehen, aber wenn wir Wassermelonen zurückschnitten oder junge Pflanzen düngten oder den Maiswurm bekämpften, waren unsere Füße im direkten Kontakt mit dem heißen Boden.
Die Sohlen unserer Füße waren dick und zäh, aber es tat weh, wenn heißer Sand oder bröckelige Erde auf die mehr empfindliche Oberseite unserer Füße fiel. An wirklich heißen Tagen, zwischen Mittag und dem frühen Nachmittag halfen wir uns mit einer Art von "shuffle dance" aus, mit kurzen Pausen unter Wasser-Melonen Blättern und anderen schattigen Plätzchen.
Es war unmöglich für uns, dem in den Ställen angehäuften Mist aus dem Weg zu gehen, und so gewöhnten wir uns einfach daran. Ich musste helfen, die Pferde und Maulesel einzutreiben und ihnen das Geschirr anzulegen, und ich musste beim Hühner und Schweinefüttern und beim Kühemelken mithelfen. Aber durch all das ließ ich mich nicht vom Barfußlaufen abbringen.
Nackte Füße hatten auch ihre Nachteile. Da bestand immer die Gefahr, dass man auf einen Stacheldraht oder rostigen Nagel treten könnte, mit Tetanus als Folge. Ein anderes Problem hatten wir in der Schule. Die Kiefernböden waren nicht gehobelt und wurden regelmäßig mit altem Motorenöl behandelt, um Staub zu verhindern. Wir lernten schnell unsere Füße mit jedem Schritt anzuheben, weil Spreißel sehr häufig waren und in die Füße eingestoßen werden konnten, wenn man sie auch nur zwei Zentimeter schleifen ließ.

Ich selbst wohne in der Nähe von Pittsburgh, bin 70 und seit kurzem pensioniert. Die Freuden des Barfußlaufens habe ich auf dem Bauernhof meiner Großmutter in Oberschwaben kennengelernt und ich bin seither ein überzeugter Freizeit-Barfüßler.
Wir haben 10 Morgen hinter dem Haus mit Wald, Wiese und einen großen Garten und wenn es warm genug ist (etwa 50ºF) bin ich da immer barfuß. Ebenso für den morning walk, 3 Meilen auf der Aschenbahn der Schule. Das ist eine altmodische Aschenbahn belegt mit Schlacke, die mindestens 1% Glasscherben enthält.
Ich gehe auch sonst soviel wie möglich barfuß, und habe dann ab und zu (und oft auch nicht), die allzubekannten Problemchen: Mit meiner Frau, den Nachbarn, Walmart und anderen Läden, Arbeitskollegen, die mir zufällig über den Weg laufen, und der restlichen Bevölkerung, sofern die überhaupt Notiz davon nehmen.
Um Jimmy Carter zu zitieren: "through it all, going barefoot is still preferable to wearing shoes")
Das ist allerdings nur für die casual Freizeit, ich bin weit entfernt von der Qualifaction für die Dirty Sole Society. Zum einen musste ich meinem Lebensunterhalt bei einer ziemlich spießigen Großfirma verdienen, wo Safety Schuhe zu recht obligatorisch waren, und zum andern bin ich in alt genug, dass ich weiß, wo ich die Grenzen ziehen muss.
Viele Grüße Otto

Wirklich aufschlussreich. Da kann man mal sehen, dass auch die USA barfußfreundlichere Zeiten erlebt haben (nämlich als noch nicht Nike, Adidas und Reebok die Macht im Staate hatten ;-).
Aber wer sich noch an Mark Twains "Huckleberry Finn" erinnert, kann sich das sicher gut vorstellen. In den ländlichen Gegenden der USA war es also wie überall, auch in Europa: die Kinder haben die ersten warmen Tage sehnsüchtig erwartet, um endlich die Schuhe in die Ecke zu schmeißen (ich erinnere mich an eine dieses "Phänomen" beschreibende ungarische Geschichte namens "A mezítlábasok"/Die Barfüßigen) und alle - auch widrigen - Umstände des Barfußlaufens in Kauf genommen.
Die "barfüßige Kindheit" hat sich noch recht lange gehalten (bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts), Barfüßigkeit bei Erwachsenen war schon selten - deshalb finde ich seinen Hinweis, dass viele Farmer dort ihr ganzes Leben barfuß verbrachten, besonders interessant (das waren sicherlich noch die Ausläufer des vorletzten Jahrhunderts).
Soweit ich mich recht erinnere, kommt Carter aus Georgia, einer sehr ländlichen Ecke. Es kann einen jedes Mal wieder frustrieren, dass man gerade Kindern und Jugendlichen heute bereits diese Erfahrung des Barfußlaufens so konsequent verweigert bzw. ihren Wunsch danach systematisch wegkonditioniert.
Besonders ermunternd finde ich deshalb solche Gegenbeispiele wie in Südafrika, wo sich die Barfüßigkeit von Kindern (bis zur 6. Klasse etwa) als selbstverständliche Option erhalten hat - allerdings nur bei den afrikaans-sprechenden weißen "Buren".
Trotz strengster Schul-Uniform-Pflicht steht in den Kleiderordnungen fast immer "Seuns en dogters mag somers kaalvoet skooltoe" (Jungen und Mädchen dürfen im Sommer barfüßig zur Schule kommen). Auf einigen Schulseiten wird das sogar schulseitig angepriesen oder von den Schülern als besonders angenehm beschrieben.
Wenn man hier nur auch einen solch unverkrampften Umgang mit diesem Thema pflegen würde. Noch ist mein Töchterchen ja nicht im lauffähigen Alter, aber ich bin schon gespannt, was uns da noch so alles erwartet (fängt ja schon im Kindergarten an).
Aber vielleicht haben Lorenz' Aktivitäten dann ja schon dazu geführt, dass es auch hier wieder mehr Jimmy Carters gibt :-) Lupu

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Aus J. M. Coetzee: Boyhood
(Forumbeitrag im Sommer 2001) 

Hi ihr,

der folgende Text findet sich in "J. M. Coetzee: Boyhood". In dem Buch geht es um eine Kindheit in Südafrika um 1950.
Die folgende Passage finde ich hochinteresant, weil aus der anderen Perspektive ... hier das Ergebnis meines Übersetzungsversuchs. Daran gibt's sicher noch einiges zu verbessern, vielleicht fallen anderen ja treffendere Formulierungen ein.
Markus (31)

Einmal pro Woche geht seine Klasse über den Schulhof in die Turnhalle zum Sportunterricht. Im Umkleideraum ziehen sie weiße Unterhemden und Turnhosen an. Dann verbringen sie unter der Anleitung von Mr. Barnard, ihrem Sportlehrer, eine halbe Stunde mit Bockspringen und Medizinballwerfen, oder sie springen und klatschen über dem Kopf in die Hände.
Sie tun das alles barfuß. Schon Tage vorher fürchtet er sich davor, seine Füße für den Sportunterricht zu entkleiden. Aber wenn er die Socken ausgezogen hat, ist es plötzlich nicht mehr schwierig. Er muss nur die Scham loswerden, sich schnell ausziehen, und seine Füße werden einfach Füße wie die von allen anderen. Irgendwo in der Nähe hängt immer noch die Scham, wartet darauf, zu ihm zurückzukommen, aber es ist eine private Scham, von der die anderen Jungs nichts zu wissen brauchen.
Seine Füße wind weich und weiß; ansonsten sehen sie aus wie die von allen anderen, sogar wie die von Jungen, die keine Schuhe haben und barfuß zur Schule kommen. Sport und das Ausziehen dafür machen ihm keinen Spaß, aber er sagt sich, dass er es ertragen kann, so wie er andere Dinge erträgt.
Eines Tages gibt es eine Veränderung der Routine. Sie werden von der Turnhalle zu den Tennisplätzen geschickt, um Paddeltennis zu lernen. Die Tennisplätze sind ein Stück weit weg, den Weg entlang muss er vorsichtig auftreten und die Schritte zwischen den Kieselsteinen setzen. Der Asphalt des Tennisplatzes selbst ist unter der Sommersonne so heiß geworden, dass er von Fuß zu Fuß hüpfen muss, damit seine Füße nicht verbrennen. Es ist eine Erlösung für ihn, als er zurück in die Umkleide kommt und seine Schuhe wieder anziehen kann; aber am Nachmittag kann er kaum gehen, und als seine Mutter zu Hause seine Schuhe auszieht, findet sie seine Sohlen voller Blasen und blutend.
Drei Tage lang bleibt er zu Hause, um sich zu erholen. Am vierten Tag geht er wieder zur Schule mit einer Mitteilung seiner Mutter, einer Mitteilung, über deren empörte Wortwahl er sich bewusst ist, und der er zustimmt. Wie ein verwundeter Krieger nimmt er seinen Platz in den Reihen der Schüler ein, er humpelt durch den Gang zu seinem Tisch.
"Warum warst du nicht in der Schule?" flüstern seine Klassenkameraden.
"Ich konnte nicht laufen. Ich hatte Blasen an den Füßen vom Tennis" flüstert er zurück.
Er erwartet Verwunderung und Mitleid, aber er sorgt nur für Erheiterung. Auch die Mitschüler, die Schuhe tragen, nehmen seine Geschichte nicht ernst. Irgendwie haben auch sie abgehärtete Füße bekommen, Füße, an denen sich keine Blasen bilden. Er allein hat weiche Füße - und weiche Füße zu haben, so scheint es, bedeutet kein Recht auf Sonderbehandlung.
Mit einem Mal ist er isoliert – er und, hinter ihm, seine Mutter.

Markus (31)

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