[Barfuß - Literatur - Ecke : Heidi] [Und seine Tochter ist der Peter]

Barfuß - Literatur - Ecke: Heidi
(Forumbeitrag im Frühjahr 2001)

Kürzlich fiel mir ein Buch in die Hände, das sicher vielen von euch bekannt ist, aber die wenigsten dürften es GELESEN haben. Dazu handelt es sich um eine der sicherlich bekanntesten Barfüßerinnen und ich glaube nirgends wird schöner beschrieben, wie ein kleines Mädchen Spaß am Barfußlaufen findet.
Und dann musste ich feststellen, dass der Text in der Barfuß-Literaturecke fehlt!?
Also hier für alle, die wissen wollen, wie es wirklich war...

Johanna Spyri, Heidi, Ausgabe: Kreuztal-Westfalen 1948.

(Heidi wird mit fünf Jahren von ihrer Pflegemutter "Base Dete" auf die Alm gebracht. Und schließt sich für den Aufstieg dem Geißenpeter an, der seine Ziegen auf den Berg treibt, während die Base Dete mit einer anderen Frau hochsteigt und tratscht.)

Erst war das Kind mühsam nachgeklettert, in seiner schweren Rüstung vor Hitze und Unbequemlichkeit keuchend und alle Kräfte anstrengend. Es sagte kein Wort, blickte aber unverwandt bald auf Peter, der mit seinen nackten Füßen und leichten Höschen ohne alle Mühe hin- und hersprang, bald auf die Geißen, die mit den dünnen, schlanken Beinchen noch leichter über Busch und Stein und steile Abhänge hinaufkletterten.
Auf einmal setzte sich das Kind auf den Boden nieder, zog mit großer Schnelligkeit Schuhe und Strümpfe aus, stand wieder auf, zog sein rotes, dickes Halstuch weg, machte sein Röckchen auf, zog es schnell aus und hatte gleich noch eins auszuhäkeln, denn die Base Dete hatte ihm das Sonntagskleidchen über das Alltagszeug angezogen, um der Kürze willen, damit niemand es tragen müsse. Blitzschnell war auch das Alltagsröckchen weg, und nun stand das Kind im leichten Unterröckchen und streckte die bloßen Arme aus den kurzen Hemdärmelchen vergnügt in die Luft. Dann legte es schön alles auf ein Häufchen, und nun sprang und kletterte es hinter den Geißen und neben Peter her, so leicht wie nur eines aus der ganzen Gesellschaft.
Peter hatte nicht achtgegeben, was das Kind mache, als es zurückgeblieben war. Wie es nun in der neuen Bekleidung nachgesprungen kam, zog er lustig grinsend das ganze Gesicht auseinander und schaute zurück, und als er unten das Häuflein Kleider liegen sah, ging sein Gesicht noch ein wenig mehr auseinander, und sein Mund reichte fast von einem Ohr bis zum anderen; er sagte aber nichts.
Wie nun das Kind sich so frei und leicht fühlte, fing es ein Gespräch mit Peter an, und er fing auch an zu reden und musste auf vielerlei Fragen antworten, denn das Kind wollte wissen, wie viele Geißen er habe und wohin er mit ihnen gehe und was er dort tue, wo er hinkomme. So langten endlich beide samt den Geißen oben bei der Hütte an und kamen der Base Dete zu Gesicht.
Kaum aber hatte diese die herankletternde Gesellschaft erblickt, als sie laut aufschrie: "Heidi, was machst du? Wie siehst du aus? Wo hast du deinen Rock und den zweiten und das Halstuch? Und ganz neue Schuhe habe ich dir gekauft für den Berg und dir neue Strümpfe gemacht, und alles ist fort! alles fort! Heidi, was machst du, wo hast du alles?"
Das Kind zeigte ruhig den Berg hinunter und sagte: "Dort!" Die Base folgte seinem Finger. Richtig, dort lag etwas, und obenauf war ein roter Punkt, das musste das Halstuch sein.
"Du Unglückstropf!" rief die Base in großer Aufregung; "was kommt dir denn in den Sinn, warum hast du alles ausgezogen? Was soll das heißen?"
"Ich brauch' es nicht," sagte das Kind und sah gar nicht reuevoll aus über seine Tat.
"Ach du unglückseliges, vernuftloses Heidi, hast du denn noch gar keine Begriffe?" jammerte und schalt die Base weiter...

(Die Base lässt das[!] Heidi nun bei dem Großvater auf der Alm, der verständlicherweise erst etwas Zeit braucht, um sich mit den neuen Umständen anzufreunden. Heidi besichtigt derweil das Äußere der Hütte)
...ging das Kind um die andere Ecke der Hütte herum und kam vorn wieder zum Großvater zurück. Als es diesen noch in derselben Stellung erblickte, wie es ihn verlassen hatte, stellte es sich vor ihn hin, legte die Hände auf den Rücken und betrachtete ihn. Der Großvater schaute auf. "Was willst du jetzt tun?" fragte er, als das Kind immer noch unbeweglich vor ihm stand.
"Ich will sehen, was du drinnen in der Hütte hast," sagte Heidi.
"So komm!" Und der Großvater stand auf und ging voran in die Hütte hinein.
"Nimm dein Bündel Kleider dort mit," befahl er im Hereintreten.
"Das brauch' ich nicht mehr," erklärte Heidi.
Der Alte kehrte sich um und schaute durchdringend auf das Kind, dessen schwarze Augen in Erwartung der Dinge, die da drinnen sein konnten, glühten. "Es kann ihm nicht an Verstand fehlen," sagte er halblaut. "Warum brauchst du's nicht mehr?" setzte er laut hinzu.
"Ich will am liebsten gehen wie die Geißen, die haben ganz leichte Beinchen."
"So, das kannst du, aber hol trotzdem das Zeug," befahl der Großvater, "es kommt in den Kasten."
Heidi gehorchte. Jetzt machte der Alte die Tür auf, und Heidi trat hinter ihm her in einen ziemlich großen Raum ein vom Umfang der ganzen Hütte. Darin standen ein Tisch und ein Stuhl, in einer Ecke war des Großvaters Schlaflager, in einer anderen hing der große Kessel über dem Herd, und auf der anderen Seite war eine große Tür in der Wand. Die machte der Großvater auf, es war der Schrank. Da hingen seine Kleider drin, und auf einem Gestell lagen ein paar Hemden, Strümpfe und Tücher, und auf einem anderen standen einige Teller und Tassen und Gläser, und auf dem obersten lagen ein rundes Brot und geräuchertes Fleisch und Käse.
In dem Kasten war alles enthalten, was der Alm-Öhi besaß und zu seinem Lebensunterhalt gebrauchte. Als er nun den Schrank aufgemacht hatte, kam Heidi schnell heran und stieß sein Zeug hinein, so weit hinter des Großvaters Kleider wie möglich, damit es nicht so leicht wiederzufinden sei...

Toll, dass Du bis zum Ende gelesen hast! Ich dachte, heute liest man keine so langen Texte mehr?
Samuel

Ich bin früher eigentlich auch immer begeistert davon gewesen, dieses Buch zu lesen und habe als Kind oft davon geträumt, so frei und unbeschwert leben zu können.
Was mich allerdings ein wenig enttäuscht, ist die Tatsache, dass es bei unzähligen verschiedenen Heidi- Verfilmungen nicht eine gibt, in der die Darsteller tatsächlich barfuß laufen. Liegt es vielleicht daran, dass kein Darsteller das gerne tut, oder ist das reine Willkür der Regisseure?
Ich finde, dadurch ist eine sehr wichtige Aussage der Geschichte einfach ignoriert und verfälscht worden. Vielleicht könnte die originalgetreue Umsetzung des Romans in einem Film bei manchen Kindern und/oder Erwachsenen den gewissen Anreiz und Startschuss geben, barfuß die Natur zu erleben.
Wenn ich mich täuschen sollte, und es doch Verfilmungen mit barfüßigen Darstellern gibt, dann bitte ich darum, mich zu korrigieren. Ich bin immer auf der Suche nach Medienbeiträgen, die das Barfußlaufen ansprechen und ein wenig propagieren, wobei es meiner Meinung nach auch solche gibt, die das genaue Gegenteil bewirken können.
Ich kann mir z.B. nicht vorstellen, dass jemand, nachdem er den Film "Schlafes Bruder" gesehen hat, dadurch besonders zum Barfußlaufen animiert wurde.
Na ja, ich würde mich auf jeden Fall über eine Nachricht bezüglich der Heidi-Verfilmung freuen, da ich viel mit Kindern und Jugendlichen arbeite und diesen gerne mal einen Film zeigen würde, der geradezu zum Barfußlaufen animiert.
Liebe Grüße ... Euer Andi von der Saar

Es gibt eine Verfilmung: eine 26teilige Serie je 25 Minuten mit René Deltgen als Alp-Öhi.
Die ersten 6 Teile gibt es bei atlas auf Video. Dort sind Heidi und Peter mit Ausnahme der Folge "Im Winter" barfuß.
Werner K.

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Barfuß - Literatur - Ecke: Und seine Tochter ist der Peter
(Forumbeiträge im Frühling 2005)

von Edith Zellweker
(Erstveröffentlichung: 1935, mein Buch ist von 1937)

Inhalt:
Ein getrennt lebender Mann (Max) wohnt mit seiner Tochter Elisabeth, 8 Jahre alt, und Haushälterin Kathi auf dem Land. Das Kind läuft - erlaubt oder nicht - am liebsten barfuß, und zwar bei jedem Wetter. Da sie wild ist wie ein Junge, wird sie nur "der Peter" genannt. Wenn die Haushälterin verlangt, sie soll Schuhe anziehen, stehen diese kurze Zeit später schon wieder vergessen irgendwo herum; das Kind ist barfüßig dem Haus entfleucht.
Eines Tages kommt die Mutter in das Dorf, sieht ihr Kind "total verlottert und ohne Schuhe" am Strassenrand stehen und nimmt sie einfach mit. Kauft ihr ein hübsches Kleidchen, weiße Strümpfe, Lackschuhe. Sie wohnt mit ihr zunächst in einem Hotel in der Stadt, das Mädel muß ständig Schuhe tragen und sauber sein. Sie fühlt sich absolut unwohl dort und die Mutter kann mit ihrem "wilden" Kind nicht so recht was anfangen. "Der Peter" flüchtet vor der Mutter und wird von einfachen, kinderunerfahrenen aber netten LKW-Fahrern aufgelesen und nach Hause gebracht, immer noch im Kleidchen, Schuhe und Strümpfe blieben unterwegs irgendwo liegen. Eher nebenbei spielt (Natürlich!! Kitsch as Kitsch can) eine Liebesgeschichte des Vaters mit einer im Dorf neu zugezogenen Frau eine Rolle. Und das Leben der Mutter wird natürlich auch geschildert.
Barfüßige Leseprobe Seiten 28/29 - sorry für den Sprachstil, es ist ein Österreichisches Buch ;-)

(...) Indessen schleicht der Vater mit der Tochter in den Wald hinauf. Sie schleichen sich - und sie wissen warum. Erstens hat Peter keine Jacke und dann -
"Ich bitt dich, nimm Schuhe", sagte Max bei der Haustüre. Peter zog die Schultern hoch und schielte bockig. Das hieß soviel wie: - und kommen Schuhe nicht in Frage!
"Also wenigstens Sandalen!" bestand Max.
(....)
Dann gehen sie durch den Wald, aber nicht den üblichen Weg. Max haßt markierte Wege und Peter geht sie nie, auch wenn er eine Möglichkeit dazu hat. Er läuft immer wie ein Dackel den Berg hinauf, einmal den einen Abhang hoch, einmal den anderen. Einmal nach den Erdbeeren und dann nach einer Blume und macht so gut den dreifachen Weg. Auch heute gehen sie quer und mitten durch. Wenn es zu steil wird, nimmt Max die Hand seiner Tochter und zieht sie hoch.
"Au", sagt Peter plötzlich, "hier sind aber viel Dornen!" Max dreht sich darauf um, sieht auf Peters Füße und seufzt tief.
"Und wo sind deine Sandalen?" frgt er.
"Hinterm Haus", antwortet sein Kind und sieht unschuldig aus.
"So", sagt Max, und das ist für den Moment alles, was ihm einfällt. (...) Es ist ihm auch ganz gleichgültig, ob Peter mit oder ohne Schuhe geht. Eigentlich ist ihm ohne sogar lieber.
(...)

Ich mag dieses Buch, auch wenn es sein mag, wonach es klingt: ein etwas kitschiger, vollkommen anspruchsloser Roman. Oder eine herrlich leichte Sommerwiesen-Lektüre (und typisches Frauenbuch?) - wie man möchte. Vor allem zieht sich die ausgeprägte Natur- und Barfuß-Liebe dieses Kindes sehr charmant durch die ganze Geschichte. 
bix

Von dem Buch gibt's sogar gleich zwei Verfilmungen, beide aus Österreich: Von 1936 (Regie Heinz Helbig, mit Traudl Stark als Peter und Karl Ludwig Diehl als Max) und von 1955 (Regie Gustav Fröhlich, mit Josef Meinrad). Leider kenne ich keine davon.
Gruß, Ralf (RSK)

... danke, bix, für die schöne Leseprobe. Klingt nach einer sehr schönen Geschichte, die genau das thematisiert, was viele Menschen in Beziehungen (Mann und Frau, Mann und Mann, Frau und Frau, aber auch Eltern und Kinder) auseinander bringt: den Versuch, krampfhaft den anderen zu ändern, koste es, was es wolle ...
Bernd (Wiesbaden)

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