Der Bergfried nutzt seine erhöhte Position
für leicht satirisch-überdrehte Beobachtungen und ein ernsthaftes Gedicht
(Forumbeiträge im Winter 2002 / 2003)

 

Niemand, auch nicht im fernsten Sibirien, dürfte es bestreiten. Ein komplexer Überbau aus Symbolen, die als Erkennungszeichen für alle Arten von Gefahren dienen, verhindert manches. Und ermöglicht manches. Exemplarisch zu benennende Gefahren wären Langeweile - und Überraschung. Wenn man weiß, dass ein barfüßiger Entgegenkommender einen nicht noch an Ort und Stelle verspeisen wird, erhöht das das Vergnügen an der Begegnung sehr. Oder das Missvergnügen. Es besteht jedenfalls noch genug Zeit, dass irgendetwas erhöht wird, ohne dass man sich bald lange Fragen stellen müsste, welches Gewürz denn nun am besten zu einem selbst schmecken würde.
Das ist übrigens ein lukratives Geschäft für Parfümerien: Falls sie Kannibalen zu ihren Kunden zählen, können sie diesen sehr zuverlässig mitteilen, wie soundsoviel Prozent der Bevölkerung riechen und also auch schmecken, schließlich sitzen sie an der Quelle. Tatsächlich sind führende Parfümerien gerade jetzt damit beschäftigt, Regimenter oder vergleichbar organisierte Gruppen von eng beschuhten Feinden und Freunden der Gesellschaft geruchsmäßig aufzurüsten. Sollte in Ihrer Nachbarschaft irgendwo Licht brennen - vielleicht wohnt dort ein Parfümerist. Seien Sie auf der Hut. Dazu später mehr. Zurück zum Thema.
  Symbole. Jeder kennt sie, niemand kann sie riechen. Das ist bedauerlich, aber verständlich: Bloße Füße riechen nicht. Ihre symbolische Ausstrahlung ist aber unübertroffen, davon erzählt dieses Podium. Oder Forum. Man sollte es in Podium umbenennen, denn während das Forum der freie Platz ist, auf dem Leute rumstehen, ist das Podium erhöht und hat nur Platz für wenige Redner. Etymologische Verwandtschaft zu "pes, pedis = Fuß" sei gegeben - sagte mein Parfümerist. Wer etwas falsches sage, werde einfach aufs Forum zurückgekickt. Vielleicht hat er recht.   Es gibt noch andere Symbole. "Auf diese wollen wir aber jetzt nicht eingehen, das würde zu weit gehen. Wenn es jetzt noch geht, können wir ja fortfahren." Man sieht an dieser kleinen sprachlichen Übung, dass das Fahren die natürliche Evolution des Laufens ist. Eines Tages, wenn wir erst den Mond besiedeln - gar nicht mal unbedingt unseren Erdmond, der ist erbärmlich klein und hat Narben, und niemand will Narben, Narben zeugen von Tiefe, das verkompliziert alles. Ah, glatt vom Thema abgewichen.   Wenn wir also erst den Mond besiedeln, wird die normative Kraft des Faktischen dafür sorgen, dass fortan die Füße der Menschen auf die Verwendung in Schuhen optimiert werden. Die NIKE OF ATHENS, so der Name des ingesamt dreiunddreißigsten permanent bemannten Raumschiffes, wird damit beauftragt sein, allen menschlichen Kolonisten regelmäßig die Füße zu versohlen. Göttlicher Zorn, wenn man so will. Aber alles für einen guten Zweck. Die ersten Parfümeristen auf dem Mond, so sagt man, hatten hauptsächlich damit zu tun, die schlechten Gerüche der ständig Schuhetragenden übrigen Siedler zu überdecken. Das lag daran, daß sie nicht absolut luftdicht waren. Weder die Schuhe, noch die Siedler, noch, und das ist ein wenig bedauerlich, die Kolonie-Gebäude. Deswegen sind das alles Gerüche. Te. Gerüchte. Der Grund für die Besiedlung des Mondes war die Hoffnung, dort ein besseres Leben zu führen. Als die Kartoffelpflanzen auf der Erde begannen, Schuhe zu tragen und dicke Aktiengewinne einzufahren, wurde auch dem letzten Gentechniker klar, dass etwas falsch gelaufen war. Und als eine vornehm gekleidete, aber natürlich barwurzelige Selleriestaude zum Präsidenten der Erde gewählt wurde, zogen die Parfümeristen von dannen. Nach Sibirien. Zu den Kannibalen. Sagt man. Die Aufzeichnungen aus jenen Tage sind eben lückenhaft. Kein Wunder, die Bäume waren sauer und ließen sich nicht mehr fällen, liefen vor den Sägen weg - ohne Turnschuhe keine große Schwierigkeit. Das erschwerte die Papierherstellung.   Wie langweilig wäre dann doch im Vergleich die Langweile! Kein Gefressenwerden, nur weite Wege nach Hause und Parfümerien an jeder Straßenecke. Wen das bereits mißtrauisch stimmt, sollte sich freuen: Die Langweile ist besiegt. Der Blick zum Himmel zeigt, wie es hätte kommen können.  
 

Guter Mond, du gehst so stille.

Du scheinst auf mich herab.

Du raubst mir den Schlaf.

Ich verfolge dich, Nacht für Nacht,

mit meinem Blick, und schlafe ich

doch ein wenig, so wanderst du ein Stück.

 

Bergfried heiße ich, stehe herum, am Hang.

Die Reste einer Rede schwingen in der Luft,

Steigen empor, und wie ich so blinzle, kommt

auch bald die Sonne hervor.

 

Die Rede wurde gehalten, doch die Worte fuhren fort.

Sie bildeten eine Brücke, verbanden sich an einem Ort,

füllten den Graben um mich herum. Menschen kamen und

gingen, säten die Saat, ernteten Hohn und Spott.

 

Liebe Sonn', du gehst so früh,

bleib doch noch, schließlich

braucht der Schatten das Licht.

Schein aufs Tapet, damit man seh',

wohin Fried geh'. Geh? Steh!

 

Bergfried war frei. So frei.

Bewegte sich, fand den Weg zur Sonne,

doch blieb. Zu berichten von dem, was

nicht faßbar ist, dazu steh' ich hier.

 

Die Zukunft wurde geplant, doch die Zeit verstreicht.

Sie bildet einen Strom, verfließt vom Ort, treibt

alles voran, und wie ich so schweige, endet

die Welt in Gelächter.

   
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