[Barfuß im Park] [Schuhlose Leichtigkeit]

Barfuß im Park
(Forumbeitrag im Sommer 2003)

Nackte Tatsachen
Es gibt viel mehr von ihnen, als man glaubt: Menschen, die gerne barfuß gehen. Durch Stadt und Land. 365 Tage im Jahr.
Die FREIZEIT auf den Spuren eines Lebensgefühls.
Es ist der absolute Hit, um von Frauen angesprochen zu werden", sagt Klaus Kobald, Produzent von TV- und Radiospots. Aber das ist nicht der Grund, warum der 36-Jährige schon seit Jahren barfuß unterwegs ist. "Es ist ein super Gefühl, der Temperaturwechsel am Boden. Und außerdem hat man keine Schweißfüße."
Klaus hat eine dickere Haut als die meisten Menschen. Und das nicht nur an den Füßen. Seit Neujahr 2000 ist er ganz ohne Schuhe unterwegs, im Regenwald in Peru genauso wie im 7. Wiener Bezirk.
Ein bisschen wie ein Gepard wirkt er, wenn er so auf leisen Sohlen durch die Straßen geht: geschmeidiger Gang, wachsame Sinne. Man muss aufpassen – wegen Hundstrümmerln und Scherben. Aber das sei kein Problem, weil man ja bewusster gehe als in Schuhen. Ja, er hat lange Haare, nein, er ist kein Freak. Wenn, dann ein sehr gepflegter, der auch gerne Gucci trägt und seine Frau Claudia ins "Steirereck" ausführt – mit extra gefertigten Riemen, die seine nackten Füße tarnen. Claudia hat längst kein Problem mehr damit, dass Klaus nur auf der eigenen Sohle unterwegs ist, steht aber auch dazu, dass sie lieber Schuhe trägt. "Für mich ist das nichts". Vor Jahren hat das Paar in Las Vegas geheiratet. Barfuß versteht sich.
Auch Rupert Bergmann, 38, "Musiktheater-Darsteller" in Wien, zieht sich gerne die Schuhe aus – so oft es geht. Er beherrscht die Kunst, so über den Naschmarkt zu gehen, dass man erst beim dritten Hinschauen merkt, dass er unten ohne ist. Rupert ist einer von vier österreichischen Mitgliedern der amerikanischen Society for Barefoot Living-Bewegung mit fast tausend Anhängern. Man trifft ihn aber auch im deutschsprachigen Forum, dass sich "hobby-barfuss" nennt. Hier hat er Klaus Kobald kennen gelernt. "Klaus ist die erste Adresse in Wien, wenn’s ums barfuß laufen geht, er hat das Glück sich das beruflich leisten zu können", sagt er. Beide wissen und respektieren, nicht jeder kann es sich erlauben oder sich vorstellen, im Alltag auf Schuhe zu verzichten. Der Beruf, gesellschaftliche Zwänge, aber auch mangelndes Selbstbewusstsein, oder einfach die fehlende Lust darauf halten davon ab – auch in der Freizeit.
Dabei empfiehlt sogar der Orthopäde den Frei-Lauf. "Meine Kinder haben keine Hausschuhe", sagt Dr. Martin Buchelt, Facharzt für Orthopädie in Wien. Gerade für Kinder sei es wichtig, barfuß zu gehen und zu spielen. Der Zehengang sei am effektivsten. "Hier arbeitet das Körpergewicht mit."
Das Beispiel, dass jemand immer ohne Schuhe geht, sogar auf hartem Pflaster, zeige, wie gut die Muskulatur trainiert werden kann. Hygienisch hat Buchelt nichts einzuwenden – wenn man sich die Füße wäscht. "Aber", so warnt der Orthopäde eindringlich, "bereits deformierte Füße können dadurch auf gar keinen Fall therapiert werden." Wer Schmerzen hat, muss den Arzt aufsuchen.
Dennoch weiß auch Buchelt das Gefühl der Bloßfüßigkeit auf seine Art zu schätzen: "Das herrlichste, was man empfinden kann, ist auf einer gepflegten Wiese barfuß zu gehen." Wer’s noch nie getan hat und es ausprobieren möchte, kann auch in die Steiermark fahren: zum Barfußpark Wenigzell. Einen Kilometer lang kann man dem Boden hier ganz nah sein: auf Moos, kühler Erde, Rinde, Kies und Rasen. Ein beliebter Ort für Manager und andere Gestresste.
Ein Lebensgefühl, ein Trend: die Stars führen selbstbewusst vor, wofür andere oft nur ein Kopfschütteln übrig haben: Kate Hudson zog sich kürzlich bei einer Preisverleihung in Beverly Hills die Schuhe aus, Nicole Kidman sorgte für Aufsehen, als sie bloßfüßig über den roten Teppich in Cannes schritt und Shakira kennt man gar nicht anders auf ihren Konzerten: sexy und barfuß.
Wer immer noch zögert, sich einmal dort frei zu machen, wo der Schuh drückt: Das herrliche Prickeln, das sich einstellt, wenn man sich auf die eigenen Füße stellt, kann in stark frequentierten Internetforen nachgelesen werden. Hier finden sich Erlebnisse aller Art: ergreifende, amüsante, maßregelnde. Aber auch Fußpflege, Probleme, oder schüchterne "Coming Outs" kommen hier zur Sprache.
Typisches Beispiel ist der Beitrag eines Bankangestellten: "Heute musste ich Überstunden machen. Und als ich alleine war, zog ich mir zum ersten Mal Schuhe und Socken aus. Was für ein Erlebnis!" Rupert kann nachvollziehen, was in dem jungen Mann vorgeht. "Wenn jemand mit 16 Schlipsträgern im Büro sitzt, dann ist es befreiend, die Schuhe auszuziehen." Befreiend für die Psyche, für das Selbstbewusstsein, für die Füße. Viele mögen ihre "Dinger da unten" nicht oder scheinen sogar darauf vergessen zu haben. Ach, das sind doch bloß Füße, mag so manch einer denken. Tatsache ist, wer ihnen Frei-Gang gewährt, sie in die tägliche Körperpflege einbezieht, schützt sie auch vor Pilzbefall und Gerüchen. Dazu kommt, dass alle Bloßhapperten sich einig sind: Weicheier gibt es unter ihnen nicht. Man wird widerstandsfähig – auch gegen Krankheiten.
Aber warum haben so viele Menschen ein derart gespaltenes Verhältnis zu dem, was sie jeden Tag trägt? Warum sieht man nur junge, hübsche Mädchen gerne barfuß und ist bei Männern eher pikiert? Warum pressen Frauen freiwillig ihre Füße in Highheels und warum bloß tragen Männer Socken in Sandalen? Laut Statistiken haben die meisten Österreicher kaputte Füße. Die Zahlen schwanken zwischen 70 bis 90 Prozent. Schuld daran sind in erster Linie die Schuhe – zu klein, zu eng, zu unbequem.
Und wie ist die Reaktion auf Barfußgeher? Die einen finden es toll: "Ich würde auch gern, trau mich aber nicht." Die anderen hassen es: "Sie können hier nicht barfuß gehen". Und wieder andere finden es peinlich oder eklig.
Barfuß gehen – ein Tabu. Macht man es öffentlich, steht man für viele im gesellschaftlichen Abseits. Auch weil es vor Generationen als Zeichen von Armut galt. Und heute für viele ein Zeichen von Provokation ist. Deshalb will uns Dr. Hubert K., 67, Wissenschaftler in Pension, der auf seinen Barfuß-Wanderungen eigentlich nur den engen Kontakt zur Landschaft genießen möchte, seinen richtigen Namen hier lieber nicht verraten. "Ich gelte eh schon als verrückt genug".
Zitat: "Befühle deine Füße, um zu wissen, wie schlapp dein Gehirn arbeitet."
P.D. White, amerikanischer Physiologe
Linktipp:
http://www.hobby-barfuss.de/
http://www.barfuss.org/
http://www.barfuss.ch/
http://www.barefooters.org/
http://www.barfusspark.info/
[Kurier Freizeit, 06. Juni 2003]

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im Hobby? Barfuß! Forum
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Schuhlose Leichtigkeit
Ein harter Kern von Fans macht fürs Barfußlaufen auch via Internet Reklame
(Forumbeitrag im Sommer 2003)

„Iiii, Käsefüße!“ Solche oder ähnliche „Schmeicheleien“ wird man immer wieder hören, wenn jemand im Kino, in der Eisenbahn oder im Restaurant einfach die Schuhe auszieht, und oft mag dies sogar berechtigt sein. Dabei bewirkt Barfußlaufen genau das Gegenteil: „Käsefüße“ oder „Schweißfüße“ bekommt eher derjenige, der seine Füße den ganzen Tag in engen Leder- oder gar Kunststofffaserschuhen ein-zwängt, anstatt der Fußhaut den Kontakt mit Frischluft zu gönnen.
Selbst der orthopädisch 100-prozentig ausgeformte Schuh ist bei weitem nicht so gut für den Fuß wie das Laufen ganz ohne Schuh, denn Schuhe nehmen der Fußmuskulatur grundsätzlich zu viel Arbeit ab. Natürlich ist das Barfußlaufen bei minus zehn Grad auf dem asphaltierten Bürgersteig im Winter nicht jedermanns Sache. Doch dass Barfußlaufen grundsätzlich eine Erkältung zur Folge hat, gehört eindeutig in die Sparte Ammenmärchen, führen die Befürworter der Barfußkultur als Argument ins Feld. Wesentlich gründlicher und schneller als durch Barfußlaufen erkältet man sich durch das Tragen nasser Badebekleidung, nabelfreier Tops oder Sitzen auf kaltem Betonboden. Folgen des Barfußlaufens können hingegen äußerst wohltuend und gesund sein: 98 Prozent der Kinder kommen mit gesunden Füßen zur Welt, 60 Prozent der Erwachsenen haben Fußschäden.
Jeder, der einmal mit nackten Füßen über einen weißen Sandstrand gelaufen ist oder einen frisch gemähten Rasen, kennt dieses angenehme Gefühl. Barfußlaufen erdet, und für manche Menschen wird das Schuheabstreifen fast zur Sucht. 
Im Internet haben sich die Barfußläufer unter der Adresse www.barfuss.org ein Forum geschaffen. „Ich bin seit meinem zwölften Lebensjahr Barfüßgängerin“, bekennt Julia Fiona. Die 36-jährige Mutter eines achtjährigen Mädchens geht im Sommer und auch im Winter barfuß. „Nur wenn es sehr kalt ist, also unter null Grad, vermeide ich längere Wege im Freien gesteht sie. Barfußlaufen sei das Beste, was man seinen Füßen antun kann. Bei Julia Fiona kam erschwerend hinzu, dass sie schon als Kind große Schwierigkeiten hatte, passende Schuhe zu kaufen, da ihre Füße einfach zu schmal für handelsübliche Schuhe waren. Einlagen sollten das mildern, „aber auch damit zog ich die Schuhe immer aus, sobald meine Mutter außer Sichtweite war“, erinnert sie sich. Außerdem war das Barfußlaufen in den siebziger Jahren sowieso noch verbreiteter als heute. 
Julia Fiona gehört zu den konsequenten Barfußläufern und alberne Kommentare lassen die Frau, die lange Zeit als Business-Consulterin arbeitete, schon lange kalt. Ihrem Mann war es allerdings peinlich, sich mit einer barfüßigen Frau an seiner Seite zu zeigen. Die nackten Füße führten zu denkwürdigen Begebenheiten. „Der Berliner Presseball, den wir vor einigen Jahren besuchten, war lustig. Ich tanzte mit einem roten, wadenlangen Röhrenkleid, und mein Mann wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken“, erzählt Julia. Natürlich gab es auch Männer, die die nackten Füße erotisch fanden, aber auch dadurch ließ sich Julia nicht im Geringsten beirren. Wer Anstoß nimmt an schönen Füßen, die gut gepflegt sind, hat ihrer Meinung nach einfach Probleme mit sich selbst und bringt diese Unsicherheit mit Hinweisen auf „nicht korrektes Verhalten“ zum Ausdruck. Oder er hat „Käsefüße“.
[Sonntag Aktuell, 15. 06. 2003]

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