[Barfußläufer: Nichts geht über unten ohne] [Barfuß leben: Beamter steht auf "unten ohne"]

Barfußläufer: Nichts geht über unten ohne
(Forumbeitrag im März 2004)

Wolfgang Gräbel läuft barfuß. Sobald es nicht mehr ganz so kalt ist, stellt er seine Schuhe ins Regal. Und er ist nicht allein. Das Phänomen der Barfußläufer.
Von Birgit Lutz-Temsch

"Boah eh, schau mal den an" sagt eine Studentin zu ihrer Freundin und stößt ihr in die Rippen. Vor der Staatsbibliothek sitzt Wolfgang Gräbel, 35. Ohne Schuhe. Es ist März. Und es liegt sogar noch Schnee. Gräbel ist ein Barfußläufer. Ihm machen selbst Schotterwege nichts aus.
Weil er das ganze Jahr über weitgehend barfuß läuft. Nicht nur am Badesee, sondern immer. "Warum soll ich Schuhe anziehen, wenn ich auch barfuß laufen kann?", sagt er. "Das ist doch praktisch: Ich brauche keine Socken, keine Schuhe, und meine Füße lüften durch."
Was anderen einen Schauer über den Rücken jagt, ist für Gräbel ganz normal. Wer kennt das Gefühl nicht, jedes Jahr aufs Neue, wenn man über den Kieselstreifen am Badesee staksen muss: wenn sich Steinchen wie Stecknadeln in die Fußsohlen bohren, unerbittlich, unbarmherzig, bei jedem Schritt aufs Neue, man auf die Zehenspitzen wechselt, was auch nicht besser ist, und ganz und gar lächerlich und überhaupt nicht graziös mit den Armen rudert. Ein solcher Kieselstreifen entlockt Gräbel nur ein müdes Lächeln.
» Das ist doch praktisch: Ich brauche keine Socken, keine Schuhe, und meine Füße lüften durch. «
Seit mehr als zehn Jahren hat er seine Schuhe schon ins Regal gestellt. "Meine damalige Freundin hat mich dazu überredet, als ich in Erlangen Germanistik studiert habe. Sie war meine Lieblings-Buchhändlerin, und sie lief immer barfuß herum, egal, bei welchem Wetter. Ich habe zuerst gemault und gesagt, das steht mir nicht. Sie hat aber nicht locker gelassen. Also habe ich meine Schuhe auch immer öfter ausgezogen. Am Anfang war es sehr hart, aber es hat mir Spaß gemacht. Irgendwann habe ich dann einfach vergessen, Schuhe anzuziehen und erst auf der Straße gemerkt, dass ich keine anhabe". Sein Umzug in die Großstadt vor sechs Jahren habe daran nichts geändert. "Erlangen ist dreckig und München auch."
Barfuß gehen ist für Gräbel zur Lebenseinstellung geworden. "Ich bin ein Hippie-Sympathisant", sagt er. "Wenn ich barfuß laufe, fühle ich mich sehr erdverbunden, ich kann Mutter Erde dann persönlich spüren. Überhaupt mag ich Basic-Sachen. Ein ehrliches Bier, schwarze Jeans und weißes T-Shirt."
» Free your feet and your mind will follow «
Gräbel ist nicht allein mit seiner Vorliebe, unten-ohne durchs Leben zu gehen. Im Internet gibt es eine Fülle an Informationen zum Thema Barfußlaufen. Einsteiger-Seiten erklären, auf welchen Untergründen man zum ersten mal ablegen sollte, Fragen wie "Ist Barfußlaufen unhygienisch?" oder "Erkältet man sich beim Barfußlaufen?" werden dort beantwortet. Anhänger der Szene erzählen von ihren ersten unbeschuhten Erfahrungen in der Öffentlichkeit – um anderen Interessierten die Hemmungen zu nehmen. Für Fortgeschrittene sind dann schon die Adressen, unter denen Wanderwege empfohlen oder ganze Urlaube ohne Schuhe besprochen werden.
"Es gibt viele Menschen, die weitgehend ohne Schuhe leben", sagt Gräbel, "aber für uns entwickelt sich keine große Öffentlichkeit.
Wahrscheinlich weil man am Barfußgehen nichts verdienen kann, wie an anderen Sportarten, für die man viel Equipment benötigt. Uns macht es ja gerade aus, dass wir nichts brauchen."
Auf dem Weg durchs Web trifft man auch auf andere Barfußfans: Fußfetischisten. Mit diesen will Gräbel aber nicht in Verbindung gebracht werden. "Da haben Frauen andere schöne Körperteile", sagt er.
Man könnte meinen, dass ein barfüßiger Mensch mitten in der Stadt so manchen dummen Spruch einstecken muss. Seine Umwelt reagiere aber nur manchmal seltsam auf seine nackten Füße. "Meine Bekannten sagen schon manchmal jetzt kommt der Gräbel wieder, ihn schau an. Aber eigentlich sind die Kommentare eher nett. Ich werde oft gefragt, ob das gesund ist, und manche sind richtig neidisch. Ich sag nur: Free your feet, and your mind will follow."
Und so geht Gräbel ohne Schuhe durch die Welt, tagein, tagaus, und nur wenn´s richtig kalt ist, oder die Straßen voller Split, zieht er welche an. "Ich habe auch immer Notschlappen dabei, einfache flip flops. Aber es gibt eigentlich nur ganz wenige Untergründe, auf denen man nicht gut laufen kann. Pieksiges Unterholz im Wald, zum Beispiel. An alles andere gewöhnt man sich." Der 35-Jährige fühlt sich außerdem gesünder, seitdem er schuhlos lebt. "Ich hatte gerade die erste Erkältung seit fünf Jahren", sagt er. "Ich denke schon, dass das auch vom Barfußlaufen kommt, ich bin eben abgehärtet."
Eine besondere Pflege bekommen seine Füße für die Schwerstarbeit nicht. Wasser und Seife würden genügen, um den Schmutz der Stadt wieder abzubekommen. "Im Lauf der Zeit verändern sich die Sohlen", erklärt Gräbel. "Es stimmt gar nicht, dass man vom Barfußlaufen eine hässliche dicke Hornhaut bekommt. Das ist nur am Anfang so. Später bekommt man eine etwas dickere, aber elastische Lederhaut, das sieht ganz normal aus. Man darf nur nicht aufgeben." In den Zwiespalt, dass er auch am Arbeitsplatz die Schuhe ausziehen möchte, kommt er zur Zeit nicht. "Ich bin irgendwas zwischen arbeitslos und selbständig, arbeite zur Zeit an meinen eigenen Internet-Seiten."
» Asphalt wird kochendheiß, und dann pellen sich die Sohlen richtig. Das ist nichts. «
In München läuft er am liebsten durch den Englischen Garten. "Der Wechsel von den feinen Kieswegen wieder aufs Gras ist sehr schön - eine richtige Reflexzonenmassage." Außer Rasen und Kies geht Gräbel gern über Kopfsteinpflaster. In der Stadt störe nur dunkler Asphalt, im Hochsommer. "Der wird kochendheiß, und dann pellen sich die Sohlen richtig. Das ist nichts. Am schönsten ist es sowieso im Frühling, wenn es gerade wärmer wird." [...]
"Die ganze Welt ist ein Barfußpark. Ich muss doch nur meine Schuhe ausziehen und kann sofort verschiedene Untergründe ertasten. So was ist nur etwas für Stadtkinder, die glauben, Kühe seien lila." Verletzt hat sich der Barfußläufer in seinem eigenen Barfußpark noch nie. "Man entwickelt an den Sohlen ein zweites Paar Augen und schleicht eher katzenartig über den Boden. Dann passiert nichts." Gräbel geht davon, barfuß.

Mehr Informationen zum Barfußlaufen unter www.sueddeutsche.de/barfuss
[Süddeutsche Zeitung, 01. 03. 2004]

Einige Beiträge vom "Webwolf" im "Best of":
Der "barfüßige Wolf" betreibt Barfußlaufen als aktives Selbstbewusstseinstraining
Wolf will literarische "Nägel mit Köpfen und Zehen" machen
Wolfs und Ottos Barfußgedichte

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Barfuß leben: Ein Beamter steht auf "unten ohne"
(Forumbeitrag im März 2004)

Heino Pickbrenner trotzt dem kühlen und regnerischen Märzwetter. Barfuß durchquert der Familienvater auf dem Hamburger Jungfernstieg eine Pfütze und verzieht keine Miene. Die freundliche Warnung "Erkälten Sie sich nicht!" von einem Passanten kann ihn nicht verunsichern. Schon seit drei Jahren geht der 40-Jährige ohne Schuhe durch Wind und Wetter - egal ob Schnee oder Matsch liegt oder ob glühende Sonne den Asphalt aufgeheizt hat.
Pickbrenners sensible Füße haben bereits signalisiert, dass es bald endgültig Frühling wird. "Der Boden ist wärmer geworden", berichtet er.
Er sei schon immer gern barfuß gelaufen, erzählt Pickbrenner [...] Schon mit 18 Jahren verzichtete er einen Sommer lang auf Schuhe. Im Frühjahr vor drei Jahren hat sich seine Vorliebe fürs Barfußgehen endgültig durchgesetzt.
Selbst im Dienst barfuß
Selbst im Dienst geht der beamtete Computerexperte barfuß durch die Büros und Außenstellen der Hamburger Finanzbehörde. "Ich bin ja nur intern eingesetzt und habe keinen öffentlichen Publikumsverkehr", sagt der Vater von vier Kindern. Seine Kollegen und seine Familie haben keine Probleme mit dem außergewöhnlichen Faible des 40-Jährigen, der unter seinem Kopftuch kahlköpfig ist. Die zwölfjährige Tochter bringt neugierige Fragen ihrer Klassenkameraden mit nach Hause. Die Arbeitskollegen sind tolerant und nehmen es anscheinend gelassen hin. "Die waren sowieso schon Kummer mit mir gewohnt", scherzt der Barfußläufer.
Am Anfang musste er sich neugierige Fragen und Frotzeleien der Kollegen gefallen lassen. Ob denn der Sommer schon angefangen habe, hieß es bei seinen ersten Barfuß-Auftritten.
Bei allen Sticheleien betont der Barfußläufer, dass seine Vorliebe nichts mit philosophischen oder religiösen Motiven zu tun habe. Vielmehr schwärmt er von den sinnlichen Erfahrungen. "Das ist ein Kaleidoskop an zusätzlichen Sinneseindrücken", sagt er.
Den tuschelnden Passanten und Touristen bleiben diese sinnlichen Eindrücke verborgen. Die nackten, nicht eben klein geratenen Füße ziehen die Blicke und Kommentare geradezu an. Pickbrenner kümmert das wenig. "Die nehme ich schon gar nicht mehr wahr", sagt er.
Ernsthafte Verletzungen hatte er noch nicht. Nur einmal schob sich ein Stück Draht quer in einen Fuß, so dass dieser dick anschwoll. Auf alte, schon stumpf gewordene Glasscherben kann er nach eigenen Angaben gefahrlos treten.
Gesundheitlich scheint das Barfußgehen sehr vorteilhaft zu sein. Früher hatte Pickbrenner bis zu drei Mal jährlich eine Erkältung, jetzt ist er nur noch ganz selten krank, wie er sagt. "Und nach zwei, drei Tagen ist alles wieder vorbei. Ich habe gar keinen Hausarzt, weil ich keinen brauche."
Wichtig sei die Körperpflege, betont er. Besonders auf die Fußnägel achtet der 40-Jährige. "Morgens und abends ein bisschen Nivea und gut ist's", berichtet er. Mit der Hornhaut habe er keine Probleme. "Sie ist fest, aber nicht so dick, dass man Huf abschlagen könnte."
Schuhe nur für Konzert und Restaurant
Schuhe sind für ihn wie ein Gefängnis. "Ich fühle mich eingesperrt", sagt er. Doch ganz ohne sie kommt er nicht aus. Wenn er mit seiner Frau ein Konzert oder feines Restaurant besucht, zwingt er sich in festes Schuhwerk von respektabler Größe 47. "Das kann ich aber an beiden Händen abzählen", sagt er. Auch zum Motorradfahren steigt er sicherheitshalber in die Stiefel.
Besonders gern spaziert Pickbrenner barfüßig über weichen Waldboden. Ein Gräuel sind ihm - neben spitzen Glasscherben und Steinen - die Böden von Supermärkten: "Die sind ultraglatt." [...]
[N24, 29. 03. 2004]

Auch er ist als Heino (WL) Forumteilnehmer.

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