Barfußlaufen ist Erfahrens - Sache
(Forumbeitrag im Sommer 2002)

Hallo zusammen,
in Heft 3/2002 der Zeitschrift "Sportpädagogik" (sie erscheint im Friedrich - Verlag in Velber und richtet sich an Sportlehrer und Vereinsübungsleiter) findet sich ein Artikel "Barfußlaufen ist Erfahrens - Sache", der Autor ist Gunnar Liedtke.
Der Autor schreibt :

Barfußlaufen kommt wieder in Mode. Was am Strand zum Urlaub gehört, kann in der Schule zur Herausforderung werden. Also: Aus die Schuhe - fertig - los!
Die Bewegungsweise des Laufens erscheint uns nicht nur im Sport als normale und völlig natürliche Angelegenheit, man läuft «natürlich~ bei allen möglichen Gelegenheiten und «natürlich» trägt man beim Laufen auch Schuhe; in sportlichen Zusammenhängen vorzugsweise Modelle mit gedämpfter Sohle und viel "Gel" oder "Air" in der Ferse [...] Mit Schuhen und Strümpfen schenken wir uns und unseren Füßen auf der einen Seite Schutz und vermeintliche Attraktivität, auf der anderen Seite berauben wir uns aber auch durchaus interessanter Empfindungen: Das Gehen auf rauem oder glattem, auf warmem oder kühlem, hartem oder weicherem Untergrund - alles wird durch das Tragen von Schuhen nivelliert.

Der Autor ordnet die Barfußerfahrungen zentral ein in den Bereich der "Körper- und Naturerfahrungen" und geht dann auf drei Beispiele ein, die er erprobt hat. Begonnen hat er dabei jeweils mit einem Auszug aus Scheuermann, Der Papalagi:

Ich wählte einen relativ warmen Tag Mitte Mai. Zu dieser Jahreszeit war der Rasen Sportplatzes noch relativ weich, ohne allzu feucht zu sein. Unter solch «optimalen» Bedingungen erhoffte ich mir leichtes Spiel bei der Aufgabe, die Schüler zum Ausziehen ihrer Schuhe und Strümpfe zu bewegen. Nachdem ich verkündet hatte dass wir einen Teil der heutigen Stunde barfuß laufen würden, ließ ich einigen spontanen Missfallensbekundungen Raum. [...] Nach dem Vorlesen des Textauszugs über die Fußbekleidung der Europäer, gab es keine größeren Schwierigkeiten mehr, alle - zumindest probeweise - vom Barfußlaufen, zu überzeugen.
Die nun barfuß dastehenden Schülerinnen und Schüler wurden mit Beobachtungsaufgaben konfrontiert, mit deren Hilfe sie ihre Aufmerksamkeit auf bestimmte körperliche Empfindungen richten sollten. [...]
Nach dem Laufen von jeweils ein oder zwei Bahnen quer über den Sportplatz wurde kurz besprochen, was den einzelnen an Körperempfindungen aufgefallen war. [...] Durch Barfußlaufen in Verbindung mit den körpererfahrungsorientierten Aufgaben stellte sich Laufen für viele Schüler in einem ganz neuen Licht dar. Wir hatten im Laufe der Stunde eine beachtliche Strecke zurückgelegt («Das war doch gar nicht so anstrengend.»), und das Laufen empfanden die Schüler nicht als langweilig, sondern als interessant.

Die Beobachtungsaufgaben lauteten u. a.

Soweit die erste beschriebene Unterrichtseinheit. Eine zweite, Mitte April durchgeführt, nahm einen anderen Verlauf :

Wir liefen Mitte April bei noch kühlen Temperaturen auf einem recht feuchten und etwas matschigen Sportplatz. Unter diesen Bedingungen ist es ausgesprochen wichtig, dass die Schüler sich mit Schuhen lange genug einlaufen, sodass sie mit warmen Füßen beginnen. Erwartungsgemäß war es bei den herrschenden Bedingungen nicht so einfach wie im ersten Beispiel, alle Schülerinnen und Schüler zum Ausziehen der Schuhe zu bewegen. Einigen war es zu kalt oder zu dreckig, andere hatten Sorge um ihre Gesundheit. Da wir verabredet hatten, dass alle nach eigenem Ermessen ihre Schuhe jederzeit wieder anziehen konnten, rangen sich am Ende die meisten zu einem Barfuß-Versuch durch - und von denjenigen, die eigentlich nicht barfuß laufen wollten, zogen einige im weiteren Verlauf ihre Schuhe noch aus.
Durch die «ungünstigen» äußeren Verhältnisse wurde die Aufmerksamkeit von den ursprünglichen Beobachtungsaufgaben abgelenkt und mehr Augenmerk (eigentlich müsste es hier «Fußmerk» heißen) auf die Empfindungen in den Füßen und auf den Untergrund-gerichtet: Wie setzen die Füße auf? Wie finden es eure Füße durch Pfützen und matschige Stellen zu laufen? Wie empfindet ihr die Kälte an den Füßen? [...] Etwa 20 Minuten währte die Barfußphase, bis wir wieder Strümpfe und Schuhe anzogen und wiederum langsam zu traben anfingen. Auch jetzt sollten alle versuchen ihre Füße zu spüren, zu merken, wie sie langsam wieder warm werden. Das Auswertungsgespräch ergab, dass viele das Laufen gerade in den matschigen Teilen des Sportplatzes als besonders angenehm empfunden hatten- Der weiche, Auftritt, das ungewöhnliche sensorische Empfinden, wenn der Boden zwischen die Zehen quillt und nicht zuletzt das unbestimmte Gefühl, etwas dichter an der Natur dran zu sein als gewöhnlich. Einige bemerkten, dass sie während des Barfußlaufens zwar spürten, kalte Füße zu haben, dass diese Empfindung aber bis zu einem gewissen Grade nicht unangenehm war. Im ersten Moment nach dem Anziehen der Schuhe war die Kälte am unangenehmsten, solange bis sie von der zurückkehrenden Wärme vertrieben wurde. [...] .

Der dritte Anlauf fand "barfuß im Wald" statt :

Unser erster Fußsohlen-Kontakt mit dem Waldboden ist von daher äußerst weich und angenehm, sodass alle erst einmal in dem Moosbereich umhergehen und genießen. Doch der Waldboden besteht nicht nur aus Moos! Es sollen jetzt auch die umliegenden Bereiche mit den Füßen erkundet werden. Gehen über Laub, Tannennadeln, Zweige auf umgestürzten Bäumen oder auf dem Spazierweg - der Wald bietet viele sensorische Erfahrungen. Um die sensorischen Wahrnehmungen zu intensivieren, finden sich die Schüler im nächsten Schritt in Zweiergruppen zusammen. Eine Person schließt die Augen und lässt sich von der anderen, der sehenden Person führen. Die Führende sichert durch Warnungen und Absprachen die blinde Person und stellt sicher, dass die Blinde möglichst viele und interessante «Fußeindrücke» sammeln kann. Die Gruppe zerstreut sich im näheren Umkreis und es herrscht eine ruhige und konzentrierte Atmosphäre.
Auch im weiteren Verlauf unser Natureinheit, in der wir den Fokus von den Füßen weg hin zu visuellen und akustischen Wahrnehmungen verschieben, wollen viele Schüler barfuß bleiben und auch den Weg zurück ins Schullandheim legen viele ohne Schuhe zurück.
In der späteren Auswertung zeigt sich dann, wie besonders und beeindruckend die meisten Schüler das Barfußlaufen empfunden haben - vor allen Dingen die Phase, in der sie als Blinde durch den Wald geführt wurden. Mit den Füßen zu «sehen», sich achtsam bewegen zu müssen und dabei ganz unterschiedliche Dinge zu spüren ist für viele offenbar ein besonderes- und sehr intensives Erlebnis für Kopf und Körper - und motiviert dazu, den eigenen Umgang mit Natur und Körper zu reflektieren.

Zu hoffen steht, dass diese Anregungen von der Leserschaft - Sportlehrern, Vereinsübungsleitern - aufgenommen und umgesetzt werden. Hilfreich dazu wäre für mein Urteil allerdings etwas mehr Grundsatzinformation über barfüßiges Bewegen, dessen Nutzen und sicher auch dessen Problemstellungen gewesen.
Denn Sinn stiften diese Übungen doch letztlich nur, wenn sie nicht einmalige Aktionen bleiben, sondern wiederholt durchgeführt, aus unserer Sicht am besten natürlich sogar zur selbstverständlichen Gewohnheit würden : andernfalls bewirken sie in der Regel nämlich genau soviel oder sowenig wie ein einmaliger Hinweis darauf, dass Zähneputzen sinnvoll sei - nämlich nichts.
Der ganze Artikel mit einigen Fotos ist erschienen auf S. 30 bis 33 der o. g. Zeitschrift.
Georg

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