[Unten ohne. Barfußläufer in der Stadt] [Schuhe weg – die Barfüßler kommen!]

Unten ohne
Überzeugte Barfußläufer kommen auch in der Stadt ohne Schuhwerk aus

Dirk Engelhardt
BERLIN, im Juli. Von den Knöcheln aufwärts sehen sie aus wie ganz normale Menschen beim Wandern. Nur Schuhe tragen sie nicht - denn dann wäre das Laufen auf dem "Barfußpfad" in Bad Sobernheim an der Nahe für sie so ähnlich wie Klavierspielen mit Handschuhen. Der 3,5 Kilometer lange Barfuß-Parcours, der über Wiesen, Bäche, Lehmkuhlen führt und auch Balancier- und Spielstationen enthält, ist die Attraktion des kleinen Ortes.
Doch nicht nur auf den über ganz Deutschland verstreuten Tastwegen für Barfußläufer gehen Menschen "unten ohne". Auch im alltäglichen Leben tun sich immer mehr - meist männliche - Mitbürger keinen Zwang an und verzichten auf Schuhwerk, die abgehärteten Naturen sogar im Winter. Auch wenn die Schuhindustrie anderes behauptet: Ohne Schuhe zu laufen ist für die überzeugten Barfußläufer das gesündeste, was man Füßen antun kann. Barfußlaufen "erdet" eben im doppelten Sinn. Die Sängerin Ulla Meinecke zum Beispiel absolviert ihre Live-Auftritte ausnahmslos mit nackten Füßen.
"Fuß zum Gruß"
Durch den Verzicht auf die Fußverpackung tun sich Welten auf; mitunter ziemlich skurrile Erlebnisse in unserer zivilisierten Umwelt sind die Folge. Angespornt durch die amerikanischen "barefoot - clubs" haben sich auch in Deutschland die Barfußläufer zusammengefunden und diskutieren ihre Erlebnisse im Internet unter der Adresse www.barfuss.net. Da sucht ein Wandersmann Kontakte für das Barfußwandern in Salzburg ("Fuß zum Gruß"), Verhaltensregeln für Barfüßer im Straßenverkehr werden wortreich diskutiert, und an dem Radiomoderator, der sich öffentlich vor den Menschen ekelt, die "einfach barfuß durch die Stadt laufen", wird kein gutes Haar gelassen. Barfußläufer haben so manches skurrile Erlebnis in der zivilisierten Welt: Eine Tiziana etwa fragt, ob ein Schuhverkäufer einen aus dem Laden weisen darf, wenn der Kunde behauptet, dass er gerade deswegen Schuhe kaufen wolle.
Auch Mediziner raten schon seit langem zum Laufen ohne Schuhe. "Aus ärztlicher Sicht ist Barfußlaufen vor allem für Kinder zu empfehlen", sagt der Orthopäde Dietrich Bornemann. "Meine Patienten bitte ich dabei aber, beim Barfußlaufen darauf zu achten, auch die Zehen einzusetzen. Nur so wird die Fußmuskulatur entwickelt, die beim Laufen in Schuhen vernachlässigt wird." Besonders auf Sandboden, etwa am Strand, lässt sich die Fitnesskur für die Fußsohle mit Laufspaß gut verbinden.
Bei Frauen gilt die einfache Formel: Je chicer der Schuh, desto ungünstiger ist er meist leider für die Gesundheit des Fußes. Hochhackige und enge Schuhe sollten möglichst nur für eine kurze Dauer getragen werden. "Männern dagegen bereitet eher die Überlastung des Längs- und Quergewölbes des Fußes durch sportliche Belastungen der Fußmuskulatur, etwa durch lange Dauerläufe, Probleme", so Bornemann. "Barfußlaufen ist eine Therapie, die insbesondere die kurze Fußmuskulatur gut trainiert."
Doch nur wenn man korrekt läuft: Nicht in der verbreiteten "Charlie-Chaplin"-Stellung, bei der die Füße weit nach außen gedreht sind, sondern in mittlerer Position unter aktivem Einsatz der Zehen.
Eine weiteres haltloses Vorurteil gegenüber Barfußläufern sind die berühmten "Käsefüße", vor denen sich angeblich alle ekeln. Dabei bewirkt Barfußlaufen genau das Gegenteil, schwören die Unten-ohne-Fans: "Schweißfüße" bekommt eher derjenige, der seine Füße den ganzen Tag in enge Leder- oder gar Kunststofffaserschuhe zwängt, statt ihnen frische Luft zu gönnen. Ziemlich ähnlich verhält es sich mit dem berühmten Fußpilz, der angeblich diejenigen befällt, die überall barfuß herumtapsen. Man weiß, dass der Pilz vor allem im Warmen und Feuchten gedeiht, und das sind nun mal die Schuhe.
Selbst der orthopädisch hundertprozentig ausgeformte Schuh ist bei weitem nicht so gut für den Fuß wie das Laufen ganz ohne ihn: Schuhe nehmen der Fußmuskulatur zu viel Arbeit ab. Natürlich sind städtische Bürgersteige mit herumliegenden Nägeln, spitzen Steinen oder Scherben, von braunen Hinterlassenschaften ganz zu schweigen, nicht unbedingt fußfreundlich. Doch erstens haben Menschen, die öfters barfuß laufen, eine dickere Hornhaut an der Fußsohle, und zweitens entwickeln sie schnell einen siebten Sinn für die Tücken des Untergrundes, den sie betreten.
Schaudern in der U-Bahn
Dass Barfußlaufen (wenn man sich einmal dazu überwunden hat) einen gewissen Suchtfaktor enthält, bestätigt die achtundzwanzigjährige Eva [...]
Doch nachdem die "Probephase" überstanden war, genoss Eva nicht nur das barfüßige Leben, sondern auch die Kontakte, die sich daraus manchmal ergeben. Zudem entdeckte sie positive gesundheitliche Nebeneffekte: Ihre Rückenschmerzen ließen nach, kalte Füße am Abend gehörten der Vergangenheit an. Und dass Barfußlaufen bei Wind und Wetter zwangsläufig eine Erkältung nach sich ziehe, ist für die Studentin inzwischen "ein Ammenmärchen."
[Berliner Zeitung, 08. 07. 2004]

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Schuhe weg – die Barfüßler kommen!

Ideal für die warme Jahreszeit: Wer so oft es geht auf bloßen Sohlen durchläuft, tut seinen Füßen Gutes
Hollywood-Stars wie Julia Roberts und Cindy Crawford sind bekennende Barfüßlerinnen, wie Millionen andere ohne Promi-Status. Barfußlaufen ist außerordentlich gesund.
Barfuß-Fans jucken die Probleme der anderen nicht. Ihre eingesperrten Füße jucken, wenn es draußen warm wird. Das ist ein uralter Evolutionsreflex: Der Homo sapiens umwickelte seine Füße in kalten Zeiten mit Blättern und Stofffetzen. Doch sobald die Sonne wieder wärmte, flog die Ummantelung ins morgendlich glühende Lagerfeuer. Bis zur Antike gingen alle Menschen barfuß. Dann zogen sich Herrscher Sandalen unter die Füße, danach die Betuchten, während die Masse weiter barfuß ging. Sie lebte gesünder. Denn Barfußlaufen ist das Beste, was ein Mensch seinen Füßen antun kann.
Manche kicken schon ihre Schuhe von den Füßen, wenn das Thermometer gerade mal einige Grade über Null gestiegen ist. Andere gehen sogar im Winter schuhlos ihrer Wege. Barfußlaufen kann zur Sucht werden, denn es "erdet", es verbindet den Menschen mit dem Boden, der Scholle, auf der er lebt. Und es ist die beste Welterkundung.
Wer sich ins Internet-Forum der Barfußläufer einloggt, ist erstaunt, wie engagiert dort Vorzüge schuhlosen Teilzeitlebens gepriesen werden. Natürliche Fußreflexzonenmassage, heißt es. Die optimale Entsorgung von Schweiß und Fußpilz ("Käsefüße"). Die Kräftigung der Fußmuskulatur. Das beste Abhärtungsmittel. Das Aufnehmen von Reizen über die nackten Fußsohlen, mehr Sensibilität. Das automatische Ausgleichen von Stößen und Unebenheiten, somit ein besseres Balancegefühl. Die Aktivierung natürlicher Bewegungsabläufe, wodurch die Bandscheiben vor Abnutzung geschützt, die Rückenmuskeln gestärkt und weitverbreiteten Fehlstellungen der Füße – wie Senk- und Spreizfüßen – vorgebeugt wird. Allerdings treten diese positiven Effekte nur auf natürlichem Grund ein.
Kenner wissen sogar, dass man allmählich einen siebten Sinn bekommt für Hindernisse. Glasscherben, spitze Steine oder bräunliche Hinterlassenschaften von Vierbeinern sind nicht fußfreundlich. Aber wer oft unten ohne unterwegs ist, kurvt diese Blockaden instinktiv aus. Zudem härtet Barfußlaufen mit der Zeit die Fußsohlen und vermittelt ein ganz neues Körpergefühl. Vor allem junge Frauen, ohnehin die Barfuß-Vorhut, bezeugen, dass sie weniger kälteempfindlich geworden sind.
In Verruf kam das Barfußlaufen in den Siebzigern, als Hippies und Langzeitstudenten mit unendlich viel Zeit überall ohne Schuhe auftauchten, im Hörsaal, in der Kneipe oder zum Liebemachen mit Gleichgesinnten. Die Barfußgänger heute legen dagegen überwiegend wert auf gepflegte Füße. Hauptsächlich das tägliche Cremen verhilft zu einem passablen Ansehen. Für Kinder ist das Barfußlaufen geradezu Pflicht. Dabei machen sie mindestens 80 Prozent mehr Erfahrungen als in Puschen vorm Fernseher. Anfänger sollten viel in der Wohnung schuhlos herumlaufen, ganze Wochenenden lassen sich so in ungeahnter Freiheit verbringen. Ein Tag barfuß im Garten ist ein besonderes Erlebnis, wenn Grashalme den Fußsohlen schmeicheln. Frisch gemähter Rasen dagegen ist nur etwas für Hartleibige.
Unter Männern gibt es viel mehr Exemplare, als frau glauben mag, die nackte Füße erotisch finden. Wo inzwischen nahezu alles zu besichtigen ist, sind nackte Frauenbeine letzte Anblicke der Schönheit. Männerfüße machen eher unter sportlichen Aspekten Eindruck. Und Psychologen weisen darauf hin, dass Barfußlaufen nicht nur das Körpergefühl verändert, sondern auch Unsicherheiten beseitigt und zu neuem Selbstbewusstsein verhilft. Also, weg mit den Schuhen!
[Freie Presse (Chemnitz), 10. 06. 2004]

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