Kai gestaltet eine Barfuß-Andacht
(Forumbeiträge im Frühjahr 2004)

[nach dem Motto: Wenn ich mein Leben noch einmal leben dürfte ...]
Dieses Motto hatte ich letztes Jahr im Juni einmal aufgegriffen gehabt und bei meinem Arbeitgeber (eine größere diakonische Einrichtung) eine Mitarbeiterandacht zum Thema Barfußlaufen gehalten. Nachfolgend der Text, für den, den's interessiert.
Grüße, Kai

---------------
"Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte", so beginnt das berühmte Gedicht des argentinischen Dichters Jorge Luis Borges. Dann, so Borges, würde er vieles tun, was er mit 85 Jahren und der Aussicht bald zu sterben, - er starb auch zwei Jahre später - nicht mehr tun könne. Ich lese Ihnen das Gedicht vor:

"Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte,
im nächsten Leben würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen.
Ich würde nicht so perfekt sein wollen,
ich würde mich mehr entspannen.
Ich wäre ein bisschen verrückter als ich gewesen bin,
ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen.
Ich würde nicht so gesund leben.
Ich würde mehr riskieren,
würde mehr reisen,
Sonnenuntergänge betrachten,
mehr bergsteigen,
mehr in Flüssen schwimmen.
Ich war einer dieser klugen Menschen, die jede Minute ihres Lebens fruchtbar verbrachten.
Freilich hatte ich auch Momente der Freude.
Aber wenn ich noch einmal anfangen könnte,
würde ich versuchen, nur mehr gute Augenblicke zu haben.
Falls Du es noch nicht weißt,
aus diesen besteht nämlich das Leben.
Nur aus Augenblicken.
Vergiss nicht den jetzigen.
Wenn ich noch einmal leben könnte,
würde ich von Frühlingsbeginn an bis in den Spätherbst barfuß gehen.
Und ich würde mit mehr Kindern spielen,
wenn ich das Leben noch vor mir hätte.
Aber sehen Sie... Ich bin 85 Jahre alt und weiß, dass ich bald sterben werde."

Nun, wir sind keine 85 Jahre alt, wir dürfen uns noch mehr Träume leisten, dürfen uns die Erfahrungen eines alten Menschen zueigen machen, können Träume leben.

Wenn ich noch einmal leben könnte,
würde ich von Frühlingsbeginn an bis in den Spätherbst barfuß gehen.

Jetzt im Sommer ist uns die Natur wesentlich näher als sonst, denn wir sind bereit, ungeschützt auf Tuchfüllung mit ihr zu gehen. Keine dicken Mäntel, kein schweres Schuhwerk stehen zwischen Mensch und Welt. Ich liebe diese warme Jahreszeit auch deshalb weil ich barfuß gehen kann. So richtig mit den blanken Fußsohlen auf der Erde stehen macht mir Freude und gibt mir ein Gefühl von Freiheit und Ungezwungenheit. Als Menschen sind wir dazu geboren, barfuß zu gehen. Wer wieder einmal - und bewusst - barfuß gegangen ist, weiß wozu der Körper ohne die Krücke der Schuhe in der Lage ist.

Zwar sind diese Empfindungen auf Steine zu treten oder harte, trockene Grashalme zu spüren nicht immer gleich angenehm - aber mit der Zeit gewöhnt man sich und kann über den Tastsinn der Füße die Welt ganz anders, ganz neu wahrnehmen. Eigentlich ist es tragisch, dass wir ansonsten die Füße immer einschnüren müssen und nur vermittelt durch eine Leder- oder Plastiksohle durch die Welt zu balancieren. Doch der Sommer gibt uns hier eine Möglichkeit, dem ursprünglichen einfachen Menschsein auf die Spur zu kommen. Barfuß durch den Sommer zu gehen macht in mir die Erinnerung an Kindertage wach.

Vor 14 Tagen war ich barfuß unterwegs. Plötzlich hörte ich hinter mit ein sirrendes Geräusch. So ein Sirren, wie es die batteriebetriebenen und funkgesteuerten Spielzeugautos machen. Ich hoffte noch, dass mir das Auto nicht über die Füße fährt, da überholt mich ein etwa vierjähriger Junge mit seinem Vater. Das Sirren stammte von einem kleinen Motorrad mit Stützrädern, auf dem der Junge saß. Stolz wie Oskar fuhr er damit herum, angetrieben von einem Elektromotor. Ob dieser Junge später einmal das Barfußlaufen vermissen wird, fragte ich mich? Werde wir unsere Füße irgendwann nur noch besitzen, um ein Gaspedal bedienen zu können und die Hosenbeine nicht ohne Abschluss zu lassen? Ich hoffe, dass dieser Junge auch noch das tut, was Kinder bei diesem Wetter am liebsten Tun, nämlich die Schuhe auszuziehen und barfuß herumzulaufen. Kinder haben hier weniger Scheu, als wir Erwachsene sie haben. Vielleicht, weil wir den Kopf zu wichtig nehmen und die Füße zu weit vom Kopf entfernt sind.

Viele Menschen fühlen sich barfuß auch näher bei Gott.

Wenn wir in die Bibel blicken, entdecken wir nicht sehr viel zum Thema Barfußgehen. In zweierlei Zusammenhang taucht dieser Begriff auf. Barfußgehen als Zeichen der Buße und Reue, Barfußgehen als Zeichen der Demut und der Andacht.

Am bekanntesten sind sicher die beiden folgenden Stellen:

·       EXODUS (= Zweite Buch Mose) - EX 3,5: "Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Gott sprach: tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land."

·         DAS BUCH JOSUA - Jos 5,15: "Und der Fürst über das Heer des HERRN sprach zu Josua: Zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn die Stätte, darauf du stehst, ist heilig. Und so tat Josua."

Im 4. Jahrhundert berief sich eine Sekte auf eben diese Bibelstellen und lehnte den Gebrauch der Fußbekleidung als sündhaft ab. Augustinus bez. sie um 428 als "haeresis nudis pedibus semper ambulantium" ("Sekte der immer mit nackten Füßen Laufenden"). Es waren die Barfüßer.

Später schrieb vor allem Franz v. Assisi das Barfußgehen vor. Es folgen dann - wenn man den Quellen glauben darf - noch 14 Reformorden und -gemeinschaften, die das ununterbrochene Barfußgehen verpflichtend eingeführt haben.

Soweit muss es nicht gehen. Aber es ist, um im kirchlichen Kontext zu bleiben, ein Genuß für sich, zum Beispiel eine alte Kirche barfuß zu erlaufen. Über die 63jährige evangelische Pfarrerin Angela Römer, in Norddeutschland geboren und 20 Jahre Pfarrerin im Kanton Luzern las ich im Internet folgende Zeilen:

"Ich liebe es, barfuß in einer Kirche herumzugehen. Ich liebe es überhaupt, barfuß zu gehen. Denn so komme ich in unmittelbaren Kontakt zur Erde - das war der Anfang der Entdeckung meiner spirituellen Seite." Und weiter sagt sie: "Ich brauche ein Gegengewicht zur Arbeit mit Worten - der evangelische Gottesdienst ist zu stark konzentriert auf das Wort."

Wenn ich noch einmal leben könnte,
würde ich von Frühlingsbeginn an bis in den Spätherbst barfuß gehen.

Vielleicht sollten wir mit dieser Einsicht nicht bis zum 85. Lebensjahr warten. Ich lade Sie ein, bei Ihrem nächsten Kirchenbesuch einmal ohne Schuhe herum zu gehen. Gönnen Sie Ihren Füßen den fußschmeichelnden Sandstein, den festen Granit, glatte Bodenplatten, kleine Steinchen und wärmendes Holz und spüren Sie, wie vielfältig Kirchenboden sein kann. Hören Sie einmal darauf, was Ihnen Ihre Füße über den Boden berichten.

Im Internet finden Sie übrigens noch viele Informationen rund ums Barfußlaufen, so zum Beispiel auf meiner Seite. Und nicht weit von hier, in Dornstetten, finden Sie den größten Barfußpark Deutschlands mit einigen 10.000 Besuchern jährlich.

Zur Einstimmung ein Gedicht von Martin Auer, einem österreichischen Dichter:

Über die Erde

Über die Erde
sollst du barfuß gehen.
Zieh die Schuhe aus,
Schuhe machen dich blind.
Du kannst doch den Weg
mit deinen Zehen sehen.
Auch das Wasser
und den Wind.

Sollst mit deinen Sohlen
die Steine berühren,
mit ganz nackter Haut.
Dann wirst du bald spüren,
dass dir die Erde vertraut.

Spür das nasse Gras
unter deinen Füssen
und den trockenen Staub.
Lass dir vom Moos
die Sohlen streicheln und küssen
und fühl
das Knistern im Laub.

Steig hinein,
steig hinein in den Bach
und lauf aufwärts
dem Wasser entgegen.
Halt dein Gesicht
unter den Wasserfall.
Und dann sollst du dich
in die Sonne legen.

Leg deine Wange an die Erde,
riech ihren Duft und spür,
wie aufsteigt aus ihr
eine ganz große Ruh'.
Und dann ist die Erde ganz nah bei dir,
und du weißt:
Du bist ein Teil von Allem
und gehörst dazu.

fussohli.jpg (920 Byte) zurück zur Übersichtsseite des "Best of"
im Hobby? Barfuß! Forum
zum Kopf der vorliegenden Seite