[Barfußabenteuer in Lappland] [Bernd A. barfuß in Nordschweden]

Barfußabenteuer in Lappland
(Forumbericht im Sommer 2000)

Nachdem ich Euch zuletzt von barfüßigen Aktivitäten in Afrika erzählt habe, möchte ich Euch heute in den äußersten Norden Europas führen, nach Lappland, ein Eldorado der Barfußgefühle.
Die Rücklichter des Busses, der mich von Kiruna hierher an den Ausgangspunkt meiner Wanderung gebracht hat, verschwinden in der Ferne. Einsam und alleine stehe ich hier am Rand der Straße von Kiruna nach Nikkaluokta. Um mich herum nur Wald. Gegenüber liegt der langgestreckte See Paittasjärvi. Ich höre nur die Vögel und das sanfte Rauschen eines entfernten Flusses.
Die Luft ist feucht und riecht moderig nach Holz und Moor. Mit Mühe hebe ich meinen 30 kg schweren Rucksack mit Ausrüstung und Verpflegung für 3 Wochen Wildnis auf einen großen Felsblock. Ich überprüfe noch mal alle Riemen und Schnallen auf ihren festen Sitz, auch die Sportschuhe (für den Notfall) hängen am Rucksack.
Doch wenn alles gut geht, werde ich die ganze Tour barfuß wandern. Geplant sind ca. 250 km. Nie zuvor bin ich eine so lange Strecke gewandert. Es ist Juni, Mittsommer. Morgen ist Feiertag in Schweden, auch heute Nachmittag hatten in Kiruna bereits viele Geschäfte geschlossen. Die längste Nacht des Jahres steht bevor und das wird in Schweden gefeiert, mit Tanz, Freudenfeuer, Saufgelage und bei vielen auch mit erotischen Abenteuern.
Doch ich stehe hier am Tor zur Wildnis, ohne Schuhe, und wuchte meinen Rucksack auf die Schultern. Der Himmel ist bedeckt, es hat etwa 10 Grad. Ein Schild am Wegesrand weist mir den Weg: Vistasstugan 31 km. Ein schmaler Trampelpfad führt in den nordischen Urwald, 31 km Wildnis bis zur ersten Hütte. Kleine Steine und Zweige beginnen mir die Füße zu massieren, immer wieder geht es durch flache Schmelzwassertümpel und durch Morast. Der Boden ist nass und aufgeweicht. Das Barfußwandern in diesem Gelände ist recht angenehm. Von Zeit zu Zeit muss ich durch kleinere Flussläufe waten. Kalt ist dieses Wasser, es kommt direkt von den abschmelzenden Schneemassen an den Berghängen rechts und links des Tales. Ein frostiger Schauer durchzuckt mich jedes Mal, wenn ich in das eiskalte Wasser trete. Bei längeren Wasserstrecken werden die Füße rot. Es gibt viele kleinere und größere Flüsse, die alle hinunter zum großen Vistasjåkka fließen. Über den größten haben Wanderer eine notdürftige Brücke errichtet, sie besteht aus zwei Birkenstämmen, über die sich meine nackten Füße vorwärts tasten. Ein weiterer Birkenstamm dient als Geländer, es ist alles eine sehr wackelige Angelegenheit. Ansonsten muss ich oft durch knietiefes Wasser waten, so dass sich meine Füße bald and die Kälte gewöhnen.
Der Weg führt oft über Anhöhen, alte Gletschermoränen aus der Eiszeit, von denen man einen prächtigen Ausblick genießen kann über das Tal und die schneebedeckten Berge, die es einrahmen. In der Mitte fließt der Vistasjåkka mit seinem stetigen Wechsel zwischen Strom und weit ausgebreiteter Seen und Sumpflandschaft. Am Ende des Tales erkennt man die schneebedeckten und vergletscherten Gipfel Vassatjorru, Saittag und Reaiddatåkka. Auf einer dieser Anhöhen schlage ich mein Zelt auf, umgeben von Birkenwald.
Die Bäume bekommen gerade ihr erstes zartes Grün. Vögel zwitschern, überall blühen weiße Betrganemonen und gelber Hahnenfuß. Es ist Frühling in Lappland. Ich laufe barfuß zu einem kleinen Bach hinunter um Wasser fürs Wildnisdinner aus der Tüte zu holen. Bald knistert ein kleines Feuerchen unter meinem rußgeschwärzten Topf. Zum Trinken gibt es frisches Wasser direkt aus dem Fluss. Auch die Moskitos halten Festschmaus, deshalb verkrieche ich mich schnell zur ersten Übernachtung im Zelt und lausche noch etwas dem entfernten Rauschen einiger Wasserfälle, die von den steilen Felswänden am Rande des Tales herunterrauschen. Die Tatsache, dass das Vistastal einige Luchse und auch ein paar Braunbären beheimatet, kann mich nicht von einem tiefen Schlaf in der Wildnis abhalten.
Nach einer Ganzkörperwäsche im eiskalten Flusswasser (an den Ufern sind noch Schnee - und Eisreste) am frühen Morgen starte ich zu einem weiteren Barfuß - Wandertag durch die einsame Wildnis, teilweise direkt am breiten Vistasjåkka entlang, wo ich frisches Trinkwasser schöpfen kann und natürlich meine Füße etwas erfrische. Ansonsten geht es durch Blumenwiesen, Moorlandschaften, über felsige Abschnitte und immer wieder durch kleine Seitenflüsse. Der Ruf des Kuckucks ist ständig zu hören. Am Nachmittag beginnt es zu regnen, doch bevor ich einen geeigneten Platz zum Übernachten finden kann, muss ich noch durch eine breiten, starken Fluss, der durch den Regen zusätzliches Wasser bekommen hat. Es ist ein Seitenarm des Njåltjekurra, über dessen Hauptstrom es eine Brücke gibt.
Ich bahne mir einen Weg durch das Dickicht, um eine geeignete Watstelle zu finden. Steine, über die man springen könnte, gibt es nicht, das Wasser ist zu tief. Nach einigem Suchen finde ich einen umgestürzten Baum, der quer über den Fluss liegt. Hier kann ich mich durch hüfttiefes, eiskaltes Wasser hinüberziehen. Nach kurzer Wanderung erreiche ich die Brücke über den Hauptstrom, er wäre unmöglich zu durchwaten. Hier gibt es eine große Wildwiese, wo ich mein Zelt aufstellen kann. Auch eine Kote der Samen (Die lappländische, früher abwertend "Lappen" genannte Bevölkerung), eine kleine aus Baumstämmen, Erde und Grasschollen errichtete Hütte, die mehr einem Erdhügel ähnelt. Aber es gibt einen Ofen, wo ich mein Essen zubereiten kann.
Die Umgebung ist herrlich, die Regenwolken, die schwer zwischen den Bergen hängen, bilden eine prächtige Fotokulisse. Am späten Abend zieht in einiger Entfernung noch eine kleine Rentierherde vorbei.
Am nächsten Tag erreiche ich gegen Mittag Vistasstugen, wo gleichzeitig mit mir noch Wanderer aus der Gegenrichtung ankommen. Ein Deutscher aus Dresden und ein Holländer mit seinem beiden erwachsenen (und sehr hübschen) Töchtern. Natürlich bezieht sich deren erste Frage auf meine Füße. Eines der Mädchen fragt bange, ob es denn so nass sei, dass man nur barfuß laufen könnte. Wir unterhalten uns über den Wegzustand und ich erzähle von dem hüfttiefen Fluss, den ich gestern durchquerte, was die Mädchen mit Entsetzen zur Kenntnis nehmen.
Doch mindest ebenso entsetzt bin ich über den Bericht des Dresdeners. Er wollte die gleiche Tour wie ich gehen, nur in entgegengesetzter Richtung. Er ist im Sarek gestartet doch gab schon am zweiten Tag auf. Die Flüsse sind unpassierbar, wo kein Schnee mehr liegt, ist Hochwasser und es herrscht extreme Lawinengefahr. Die höheren Lagen liegen noch unter einer geschlossenen Schneedecke. Die Holländer wollten den berühmten Kungsleden wandern, mussten aber ebenfalls aufgeben wegen Schnee und Lawinengefahr. Der einzige durchgehend begehbare Weg sei der hier durch das Vistasvagge. Auch meine für heute Mittag geplante Strecke durch das Seitental Reaiddavagge sei unpassierbar. Ich will es dennoch versuchen.
Wir plaudern noch eine Weile, dann entschließen sich die beiden Mädchen, im Fluss ihre Haare zu waschen. Von mir inspiriert gehen sie barfuß zum Fluss hinunter um ihre langen blonden Haare in die eisigen Fluten zu tauchen. Na, mal sehen... meint ihr Vater dazu nur schmunzelnd. Ich ziehe weiter.
Unter den fassungslosen Blicken der anderen stapfe ich barfuß über die Schneefelder an den Hängen an der anderen Flussseite nach oben. Von dort habe ich einen herrlichen Blick über das ganze Vistastal, wo ich die letzten Tage gewandert bin. Dann gehe ich weiter, es ist eben und gut zu wandern. Ich bin nun oberhalb der Baumgrenze und es gibt nur noch wiesenhaftes Gelände. Schnee gibt es nur an schattigen Stellen. Rechts und links ragen schroffe, mit Neuschnee eingepuderte Berge auf.
Der Pfad führt direkt an einem namenlosen Fluss entlang, der in der Mitte durch das enge Tal fließt. Immer öfter muss ich nun über Schneefelder wandern, vor allem in Mulden und am Flussufer. Manchmal wandere ich auch durch das nur 10 - 20 cm tiefe Flusswasser. Hier oben ist die Luft viel klarer, als im Vistastal, der moderige Geruch ist weg, es riecht nach klarem Wasser und Schnee. Regen- und Schneewolken hängen dramatisch in den Bergen.
Plötzlich taucht vor mir ein Geröllfeld auf. Große kantige Blöcke liegen herum, wie von Riesen hingeworfen. Dieses Geröll wurde von einem auf der Karte unscheinbaren namenlosen Seitenfluss angespült. Er kommt direkt aus den Gletscherseen unterhalb des Påssustjåkka, hat eine starke Strömung und ist mehr als knietief. Da muss ich durch!
Eiskalt ist sein Gletscherwasser. Ich gebe den ersten Versuch schnell auf, versuche es weiter unten noch mal. Es ist schwer, zwischen den wackeligen Geröllbrocken in der starken Strömung Halt zufinden. Gott sei Dank habe ich einen stabilen Wanderstab dabei, den ich nun als "drittes Standbein" nutzen kann. Trotzdem ist das Waten in dem kalten Wasser gefährlich, es darf nicht zu lange dauern, sonst werden die Füße gefühllos. Ich darf aber auch nicht unvorsichtig sein, dass ich nicht stürze.
Langsam taste ich mich voran, überlege, ob ich aufgeben soll. Noch ein Stück denke ich, ja, ich schaffe es, das Wasser wird flacher. Ich steige aus dem Fluss, meine Beine sind eiskalt. Durch die Bewegung beim Weiterwandern werden sie langsam wieder warm. Das hätte auch schief gehen können. Ich denke an zu Hause, an meine Frau und die beiden Mädchen, bin einen Moment unkonzentriert, da passiert es: Ich rutsche von einem Stein ab und ziehe mir eine blutende Wunde an der linken großen Zeh zu. Ein dicker Hautfetzen hängt weg !
Ich verpflastere es und bin froh, dass ich Schuhe mitgenommen hebe. Das Weiterwandern mit Schuhen ist ziemlich ungewohnt, die Wund bereitet aber keine Schmerzen. Durch eine wilddramatische Landschaft mit schroffen Felswänden, vergletscherten Gipfeln geht es weiter, über klobige Geröllmassen, durch die sich der Fluss tosend seinen Weg bahnt. Unförmige Geröllbrocken muss ich überklettern, riesige dunkelgraue Felsbrocken, die von Lawinen mit in die Tiefe gerissen wurden. Jetzt liegen diese unförmigen oft kubikmetergroßen Steinkolosse wild durcheinander in der Landschaft. Dazwischen sind Schneefelder, die ich überqueren muss und oft bis unter die Hüfte einsinke. Über dieser Urzeitlandschaft hängen düstere Regen- Schneewolken. Eine Steinzeitlandschaft, wie sie urtümlicher nicht sein kann.
Bald hängen die Schuhe schon wieder am Rucksack und ich klettere barfuß über die Geröllkolosse. Bevor ich am Abend die Hütte Nallostugan erreiche, muss ich den hier knöcheltiefen Fluss durchwaten, barfuß natürlich. Müde und erschöpft lasse ich mich in Nallo nieder.
Die Umgebung oberhalb der Hütte, wo meine weitere Strecke entlang führt, ist tief verschneit. Wenig ermutigend. Ich löse meinen Verband und stelle erleichtert fest, dass es nur eine Hautabschürfung ist. Das kann man mit Kamille und Hamamelissalbe behandeln, es kann also morgen barfuß weitergehen, wenn es weitergeht!!! Doch das sieht schlecht aus, sehr schlecht ...
Der Weg über den Pass nach Sälka am Kungsleden ist durch Schneemassen versperrt. Eine geschlossenen, aber aufgeweichte, metertiefe Schneedecke, durch die wilde Gebirgsbäche strömen. Ich werde morgen sehen. Ich bin alleine hier in Nallo, kein Mensch weit und breit. Eine Maus nagt im Gebälk, das ist das einzige Lebensgeräusch, das das Rauschen des Flusses unterbricht.
Am Morgen trete ich barfuß vor die Tür. Drüben ist ein Schuppen. Ich hacke etwas Brennholz für den Ofen, damit ich einen Kaffee kochen kann. Dicke Wolken hängen in den Gipfeln der Umgebung. Es schneit leicht. Oben rechts erkennt man das Sielmavaggi, einen Pass, der nach Tjäktja führt. Das Hochtal liegt unter einer geschlossenen, meterdicken Schneedecke. Die Massen an Schmelzwasser stürzen in einem tosenden Wasserfall herunter nach Nallo. Links davon der 1820 Meter hohe Tjäktjatjåkka und weiter links nimmt das Reaiddavaggi seinen weiteren Verlauf Richtung Sälka. Auch hier das gleiche Bild. Meterhoher Schnee. Oben auf der Wasserscheide gibt es einen See, er ist mit Sicherheit noch zugefroren. Unzählige Schmelzwasserbäche durchschneiten die Schneedecke und bilden zusammen mit dem Schnee ein schwarzweißes Mosaik.
Ich mache einen barfüßigen Erkundungsgang. Tiefe Bruchrisse durchziehen die meterhohe Schneedecke. Sie bildet teilweise Brücken und Tunnels, durch die der Fluss fließt. Riesige Schneefelder brechen ab und stürzen in den darunter fließenden Fluss. Diese Abbruchrisse sind teilweise mehrere Meter tief und vergleichbar mit Gletscherspalten. An den Hängen der Berge sieht es ähnlich aus. Man weiß nie, ob sich eine Lawine löst.
An ein Weitergehen ist nicht zu denken, das wäre viel zu gefährlich. Die einzige Möglichkeit heißt umkehren nach Vistas. Schweren Herzens fasse ich diesen Entschluss. Ich genieße noch mal die herrliche Landschaft hier in Nallo. Einzelne Sonnenstrahlen dringen diffus zwischen den Wolken hindurch und leuchten wie Spottlichter auf den einen oder anderen Gipfel. Das Schmelzwasser, das überall an den Felswänden herunterläuft, gibt den beleuchteten Bergen dann ein silbern funkelndes Galagewand. Der ganze Berg wirkt dann, wie ein mit unzähligen Diamanten besetztes Märchenschloss. Die leichten Schneeschauer, die zwischen meinem Standort und den erleuchteten Bergen niedergehen, geben der ganzen Landschaft ein durchsichtiges seidenes Gewand. Eine unwirkliche Märchenlandschaft, die kaum fassbar ist.
Lange stehe ich da barfuß in den Schneeresten und bestaune dieses Naturschauspiel. Dann breche ich auf, zurück über die Geröllkolosse Richtung Vistas. Diese klobigen Blöcke sind fürchterlich, wie ein Wichtelmann klettere ich zwischen den Klumpen herum, taste mich barfuß auf wackeligen Felsbrocken voran, halte mich mit den Händen an meterhohen Felsblöcken fest und wuchte den schweren Rucksack durch enge Spalten. Ein flacher, sicher wirkender Stein kippt unter meinem Gewicht ab und ich stürze kopfüber zwischen die Felsen, suche mit den Armen Halt. Doch der Rucksack schiebt mit ungeheuerer Wucht nach vorne, rutscht hinter meinen Kopf, es gibt kein Halten. Die Feldflasche, die lose am Rucksack hängt, kracht gegen den Fels und schleudert von dort gegen meinen Kopf. Polternd rollen einige kleinere Steine über meinen Rucksack in die Tiefe. Dann herrscht Stille. Nichts tut weh ! Scheint alles in Ordnung zu sein. Ich öffne die Schnallen meines Rucksackes, streife ihn mühsam ab und krieche unter ihm hervor. Alles in Ordnung, keine Schrammen, nichts verstaucht. Nur das Pflaster von meiner linken großen Zeh wurde ein paar Meter weit weggeschleudert. Auch die Feldflasche hat den Sturz unbeschadet überstanden. Ich nehme einen kräftigen Schluck, dann kann es weitergehen.
Um den reisenden Fluss von gestern zu umgehen, wechsle ich die Talseite. Da muss ich zwar zwei mal durchs Wasser, aber der Hauptfluss ist flacher, dafür breiter und problemlos zu durchwaten. Abends erreiche ich wieder Vistas, wo ich den Abend alleine mit einem neugierigen Elch verbringe.
Über das obere Vistastal erreiche ich am nächsten Tag den Kungsleden bei Alesjaure. Weitere 2 Tage bin ich dann auf dem berühmten Königspfad, wie Kungsleden auf deutsch heißt, unterwegs. Viele Wanderer begegnen mir hier, alte junge, Familien mit kleinen Kindern, 8-jährige Mädchen, die 10 - 15 kg schwere Rucksäcke tragen, auf der schwedischen über 100 km langen Pilgerstrecke von Abisko nach Kebnekaise. Doch alle werden sie umkehren müssen, am Tjäktjapass, denn auch dort herrscht noch Winter und wie in Alesjaure eindringlich gewarnt wurde "extrem lavinfaran !"
Auf meiner weiteren Wanderung von Vistas nach Abisko gab es noch viele Barfußgefühle, Sand, Steine, kalter Schnee, gleich danach warmes Moor, Wasser, Blumenwiesen und Felsen. In Abisko erkundigte ich mich nach den Zuständen im Sarek und Padjelanta. "Forget it, it's not possible to hike there!" war die Auskunft, "this year the winter was very long, we have still snow in the mountains!" "Yes, I know, I'm just coming from there!"
Soviel für heute
Bernd A.

Hallo Bernd A., ein wirklich lesenswerter Reisebericht, der Lust auf eine Barfußurlaub macht - und natürlich auf eine Fortsetzung von Dir bei "Barfuß um die Welt".
Grüße Kai (bisher nur barfuß in London im Urlaub gewesen)

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Bernd A. barfuß in Nordschweden
(Forumberichte im Spätsommer 2000)

Ich bin wieder im Land, für alle, die im Forum barfüßige Reiseberichte vermissen, ist hier wieder einer. Einige interessante Beiträge habe ich gelesen. Vor allem der aus Finnland hat mich natürlich angesprochen. Tja, die blutsaugenden Plagegeister findet man ja auch in Schweden in Massen, aber während wir nun da waren, haben die ersten knackigen September - Nachtfröste den Biestern weitgehend den Garaus gemacht.
Tagsüber war's aber noch angenehm warm, anfangs um die 20, später dann 10 - 15 Grad, bei meist strahlendem Sonnenschein, also ideales Wanderwetter. Das nutzten wir auch gleich aus, nachdem wir in Kvikkjokk ankamen. In Kvikkjokk enden alle Straßen, dahinter kommt nur noch Wildnis.
Wenn Ende September die letzten Tourenwanderer abgereist sind und Väterchen Frost seinen eisernen Griff über Lappland legt, leben in Kvikkjokk noch ca. 18 Menschen. Wenn sie zum Einkaufen, zur Bank oder zur Schule wollen, haben sie eine 2,5 stündige Busreise ins 120km entfernte Jokkmokk vor sich. Und der Busfahrer hat es meistens nicht eilig, er hält schon mal auf freier Strecke mitten im Taigawald an und nimmt sich die Muße, einen Vogel zu beobachten, der sich gerade auf einem Ast am Straßenrand niedergelassen habt. Bei unserer Rückfahrt setzte er sein Fahrzeug gar 100 m zurück, um zu sehen, ob er den Vogel überfahren hat, der noch kurz vor dem Bus über die Straße flog. Er hat ihn nicht erwischt!
Wenn ein Elch die Straße überquert, sollte man sich festhalten, denn es folgt eine brachiale Vollbremsung. Die Menschen in diesem Gebiet sind meist sehr naturverbunden.
Im Winter, wenn die Temperatur auf -47 Grad sinken kann, ist der Schulweg ein richtiges Abenteuer, man weiß ja nie, ob der Bus kommt, oder ob er möglicherweise in einer Schneewehe steckt oder ob der Motor angesichts der grimmigen Kälte mal wieder streikt.
Doch jetzt war Spätsommer, beste Wanderzeit. Dieses mal war meine Frau dabei, so wurden die Wanderungen etwas gemäßigter, als wenn ich alleine unterwegs bin.
Am ersten Tag machten wir eine Tagestour, die uns zunächst auf den 850m hohen Sjnjerak führte. Hier genossen wir die herrliche Aussicht über den See Saggat und in die Sarekberge. Ich lief barfuß, logisch, sonst müsste ich diesen Beitrag besser im "Camel- Boots- Forum" veröffentlichen, falls es so etwas gibt. Dabei kann man ja auch barfuß meilenweit für eine Zigarette laufen, ohne Löcher in die Schuhsohle zu bekommen! (Die Älteren unter uns wissen schon, welchen Werbespott ich meine...)
Wir (beide Nichtraucher) wanderten jedenfalls meilenweit für den Naturgenuss. Auf herrlichen Hochebenen mit blauen Seen hatten wir eine Aussicht, die so meilenweit war, dass man dafür einige Schuhsohlen durchlatschen könnte... Der Weg war fantastisch: meist kaum zu erkennen zieht er sich über Wiesen, Gras, Moos, Moor, kleine Zweigchen, Erde, von der Sonne erwärmt, ein Hochgenuss. Selbst meine Frau ließ sich dazu ermuntern, ein Stückchen barfuß zu laufen.
Gegen Ende ging es dann durch Birkenwald mit dichtem Unterholz. Nach 8 Stunden erreichten wir Årenjarka, von wo aus uns der Bus zurück nach Kvikkjokk brachte.
Am nächsten Tag regnete es zunächst, später ließ es nach und wir brachen auf eine 4-tägige Wandertour Richtung Sarek auf. Weit kamen wir jedoch nicht mehr, denn schon nach 2 Stunden goss es wieder in Strömen und wir schlugen unser Zelt mitten im Wald in der Nähe eines kleinen Baches auf. Unter uns ein etwa 20cm dickes Moospolster. wir haben lange nicht mehr so gut geschlafen und lange nicht mehr so lange!
Als wir nach 11 Stunden seligem Schnarchen aufwachten und unsere Köpfe hinausstreckten, ergoss sich erst mal eine gewaltige Ladung Nässe von der Zeltplane über unsere Rücken, doch die Sonne strahlte uns ins Gesicht, von einem wolkenlosen Himmel.
Na, nichts wie los! Viele Pfützen und kleine Bäche erfrischten meine nackten Füße. Auf unserem Weg zum See Tatajaure hatten wir herrliche Aussichten zum Sarek. Der Sarek ist bei Trecking - Enthusiasten ja sehr bekannt und leider nicht mehr einsam. Es ist die letzte richtige Wildnis in Europa, mit grandiosen Gebirgslandschaften.
Viele Wanderer zieht es jedes Jahr dort hin, auch unerfahrene und schlecht ausgerüstete. Leider gibt es immer wieder Todesfälle zu beklagen. Die meisten im Winter, wenn Schwarzwald- oder Harz- Skiwanderer, meinen, eine "Kleine" Tour durch den Sarek machen zu können, mit Ausrüstung, die bei Temperaturen um 0 gut ist, aber absolut unbrauchbar bei minus 40 Grad und Sturm.
Aber auch im Sommer werden Gletscherspalten und reißende Gebirgsbäche zum Verhängnis, meist durch bodenlosen Leichtsinn. Wenn man mit 25kg Gepäck, fernab jeglicher Zivilisation bei einer Flussdurchquerung ausrutscht und ins 3 Grad kalte Wasser plumpst, dann ist das alles andere als lustig, zumal dann die Reserveklamotten auch nass sind. Wenn dann noch schlechtes Wetter herrscht (es kann mitten im Sommer schneien!), dann kann das fatale Folgen haben.
Wir gingen dieses Mal nicht in den Sarek, meine Frau hat zu wenig Erfahrung und Kondition und wäre wohl auch ein Fall für die schwedische Bergrettung geworden. Vor 3 Jahren bin ich alleine durch den Sarek gewandert, barfuß natürlich.
Bodenloser Leichtsinn?! Was das alleine wandern betrifft ist das nie ganz ungefährlich (ein Routenplan, den man in Kvikkjokk hinterlässt, mit voraussichtlicher Rückkehr, gibt etwas Sicherheit). Was das barfuß wandern betrifft, bin ich schon oft genug, auch in extremem Gelände, barfuß gewandert, dass ich weiß, was für mich möglich ist! 
Vom See Tatajaure aus hat man eine tolle Aussicht zum Sarek und die Landschaft ist herrlich. Wir blieben 2 Tage und schlugen unser Zelt direkt am See auf. Eine Tagestour durch die Umgebung des Sees brachte eine herrliche Entspannung für die Füße und die absolute Ruhe war Balsam für die Seele. Ansonsten badeten wir unsere Angel - Köder im See ...
Man kann hier das Zelt mit Ausrüstung bedenkenlos tagelang allein lassen, es kommt nichts weg! Die Leute, die hier vorbeikommen, haben kein Interesse, zu klauen, außerdem haben sie selbst genug zu schleppen, als dass sie sich auch noch mit Diebesgut belasten möchten ...
Abends saßen wir an unserem munteren Lagerfeuerchen direkt am Ufer und stellten die nackten Füße auf die warmen Steine, herrlich, aber wenn man Holz holt, merkt man doch, dass die Nacht wieder kalt und frostig wird.
Der Rückweg ist ebenso schön und die in den nächsten Tagen in Kvikkjokk machten wir ein paar Kanutouren durch das Flussdelta mit seinem arktischen Urwald. Während dem Paddeln hängte ich zeitweise meine nackten Füße über die Bordkante des Kanus ins kalte Wasser, schön erfrischend war das.
Vom Campingplatz aus kann man abends einen herrlichen Sonnenuntergang über dem Tarra - Tal bewundern, noch schöner ist es, wenn man unten am feinsandigen Ufer des Sees barfuß am Wasser entlang spaziert und die Abendstimmung genießt. Der Campingplatz ist wohl der ruhigste, den man in Europa mit dem Auto erreichen kann. Es gibt 10 Blockhütten und eine Zeltwiese, Wohnwagen und Motorhomes kommen nur selten, für sie gibt es eine Extraplatz am anderen Ende des Ortes. Wir genossen die himmlische Ruhe.
Ein ganz besonderes Erlebnis gab es noch, 2 Tage bevor wir abreisten: Das Nordlicht! Es war in einer bitter kalten, absolut klaren Nacht. Um ca. 23.30 Uhr gingen wir noch mal raus und da war es! Blas grünlich bewegte es sich über den ganzen Himmel: wallende Lichtbänder, Strahlen und Spotlichter, Streifen und Schleier, die wie Gespenster über den tiefschwarzen Sternenhimmel huschten.
Ich stand barfuß draußen, fühlte den kalten Raureif an meinen Füßen. Immer wieder stellte ich das Fotostativ in eine andere Position, um zu fotografieren. Für Fotointeressierte: 30 Sekunden Belichtungszeit bei voll geöffneter Blende (2,8), 28mm Brennweite, war ideal, um das Himmelsschauspiel eindrucksvoll abzubilden. Ein Weitwinkel braucht man schon, um das Himmelsinferno ganz zu erfassen. Leider war ich viel zu ergriffen, um angemessen viele Fotos zu machen, aber die 4, die ich machte, wurden fantastisch! Der Rest ist in der Erinnerung abgelichtet.
Dann mussten wir wieder nach Hause, die Pflicht ruft!
Bernd A.

Hi Bernd, egal, ob Du barfuß oder beschuht durch die Wildnis läufst, Deine Reiseberichte sind immer sehr interessant und sorgen für mächtig Fernweh.
Ich hoffe, es folgen noch viele. Serfuß, Jörg (Hanna)

Toller Bericht, danke. In der Gegend war ich auch schon einmal, habe damals eine Tour durch den Padjelanta gemacht. Eine on topic- Frage: Hat wer Erfahrung mit barfuß Furten (in der Gegend ja öfters nötig)?
Meine Wanderführer warnen davor, deshalb versuchte ich es zuerst mit Trekkingsandalen. Allerdings bietet deren steife Sohle auf diesen glitschigen runden Kieseln keinen tollen Halt. Deshalb bin ich dann dazu übergegangen, es barfuß zu versuchen, in der Hoffnung auf besseres Gefühl für den Grund, aber bei dem eiskalten Wasser war das auch weg, bevor ich in der Flussmitte war.
Ist das Gewöhnungssache, oder ein prinzipielles Problem? gonzo

Egal ob barfuß oder mit Trekkingsandalen, ich persönlich habe bei Trekkingtouren mittlerweile immer Stöcke dabei und möchte sie nicht mehr missen. Mit den Teleskopstöcken (Leki, o.ä.) kann man das Gleichgewicht, gerade in schwierigem Gelände mit einem fetten Rucksack auf dem Buckel, weit besser halten. Das Mehrgewicht der Stöcke lohnt sich allemal.
Da meine Trekkingsandalen nicht wasserfest sind (und sich daher auch angenehmer tragen als ewig miefende Tevas), ist bei mir barfuß- waten angesagt. Grüße Kai

Für mich selbst kommt natürlich nur barfuß waten in Frage. Ich habe selbst schon genügen Erfahrung, um vorher abschätzen zu können, ob ich eine Durchquerung des Flusses an dieser Stelle schaffe. Wenn nicht, suche ich nach einer besseren Furt.
Es ist immer besser, zu suchen, auch wenn das gerade im Sarek manchmal Stunden kosten kann. Ungeduld kann allerdings das Leben kosten! Notfalls hilft nur umkehren und einen anderen Weg nehmen.
Barfuß waten ist vor allem wegen unsichtbaren spitzen Steinen gefährlich, wer jedoch wie ich die ganze Strecke barfuß wandert, für den ist das Risiko natürlich geringer, wie für schuhgewohnte Füße.
Die Kälte ist allemal gewöhnungsbedürftig, das Problem hat man allerdings auch mit Treckingsandalen. Das Wasser hat oft kaum über 0 Grad. Die Schweden wandern deshalb fast immer mit hohen Treckinggummistiefeln.
Ein guter Watstab gehört in jedem Falle zur Ausrüstung einer solchen Tour. Mein Stab ist ca. 180 cm lang und recht dick und stabil, direkt aus Norwegens Natur geschnitten. Er ist für mich beim Wandern unverzichtbar, so was wie der "beste Freund". Er leistet bei schwierigen Furten unschätzbare Dienste und dient praktisch als drittes Standbein. Von Teleskopstöcken halte ich nicht viel, auch wenn mein "Freund" umständlicher zu transportieren ist.
Ein kleiner Tipp noch zum Waten: Man sollte immer schräg gegen die Strömung gehen und sich mit dem Watstab flussaufwärts, also ebenfalls gegen die Strömung aufstützen und den Stab wirklich richtig als Stütze benutzen.
Bei der Auswahl sollte man bedenken, dass man mit Rucksack gut 100 kg wiegt und der Stab entsprechend stabil sein sollte. Deshalb auch meine Bedenken gegen Teleskopstöcke. Ein dicker Birkenstamm ist vertrauenserweckender! Bernd A.

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